Mit der Reform des Nachstellungsparagrafen im Strafgesetzbuch hofft Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) auf bessere Hilfe für Stalking-Opfer. "Seit drei Wochen ist der neue Paragraf in Kraft. Das Strafrecht greift nun schon ein, bevor ein Stalker das gewohnte Leben der Betroffenen kaputtgemacht hat", sagte Maas am Dienstag per Videobotschaft in Berlin auf der größten deutschen Stalkingkonferenz seit 2005. "Nicht das Opfer soll sein Leben ändern müssen, sondern der Stalker soll sich ändern und mit seinem kriminellen Treiben endlich aufhören."

Opferanwälte beklagen bisher lange Wartezeiten, bis Gerichtsverfahren nach Stalking-Anzeigen in Gang kommen. "Dadurch fühlen sich viele Stalker geradezu ermutigt", sagte Berlins Opferbeauftragter Roland Weber. Die Polizei reagiere jedoch professionell auf Anzeigen. "Es geht nicht ohne Strafverfolgung. Aber sie allein greift viel zu kurz - weil sie die Täter nicht abbringt und die Opfer nicht schützt", sagte Wolf Ortiz-Müller, Leiter der Berliner Beratungsstelle Stop-Stalking. Bundesweit gebe es nur vier spezialisierte Beratungsstellen und keine stationären Angebote für eine Therapie von Tätern.

Was ist Stalking?
Stalking bedeutet im Englischen "anpirschen". Ein Stalker verfolgt, belästigt oder bedroht sein Opfer, etwa mit Briefen, Anrufen, Mails, beharrlichem Auflauern oder Nachspionieren.

Wer sind die Opfer und Täter? Stalking rückt meist durch prominente Beispiele ins Rampenlicht. Doch in der Mehrzahl geht es, auch abseits der Schlaglichter, um Trennungen nach Liebesbeziehungen. Rund zwölf Prozent aller Menschen in Deutschland werden mindestens einmal im Leben gestalkt, heißt es bei der Polizei unter Berufung auf eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit. Dem Weißen Ring zufolge sind rund 80 Prozent der Betroffenen Frauen.

Was sagen die Gesetze?
Im Strafgesetzbuch gibt es seit 2007 unter den Straftaten gegen die persönliche Freiheit den Paragrafen 238 (Nachstellung). Dieser wurde vor Kurzem reformiert und verschärft. Mussten Betroffene früher nachweisen, dass Stalking ihren Alltag massiv bis hin zu Jobkündigungen und Umzügen beeinträchtigt, hängt die Strafbarkeit nun von der Nachstellung an sich ab. Sie kann mit Freiheits- oder Geldstrafen geahndet werden. Eine zweite Möglichkeit, einen Stalker auf Abstand zu halten, bietet das Gewaltschutzgesetz. Es zählt zum Zivilrecht.

Wie viele Stalking-Fälle gibt es in Deutschland?
2015 wurden in der polizeilichen Kriminalstatistik rund 20 000 Fälle verzeichnet, für 2016 liegt die Zahl der Anzeigen noch nicht vor. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher. "Es gibt eine EU-weite Erhebung aus dem Jahr 2014, für die 42 000 Frauen in 28 Ländern befragt wurden", sagt Wolf Ortiz-Müller, Leiter der Berliner Beratungsstelle Stop-Stalking. "Fünf Prozent über 15 Jahren gaben an, in den letzten zwölf Monaten Stalkingverhalten ausgesetzt worden zu sein." Umgerechnet auf Deutschland würde das bedeuten, dass mehr als eine Million Frauen in einem Jahr grenzüberschreitendes Verhalten erleben. "Mit dieser Zahl wäre ich vorsichtig. Aber es macht deutlich, dass es eine große Dimension gibt, wo Frauen und Mädchen unerwünschten Verhaltensweisen ausgesetzt sind", sagt Ortiz-Müller.

Welche Rolle spielen Internet und neue Medien?
Sie vergrößern die Möglichkeiten, Menschen zu belästigen. Bei Cyberstalking geht es um bedrängende Handlungen mithilfe technischer Kommunikationsmittel, zum Beispiel dem Handy oder Mails. Auch soziale Netzwerke wie Facebook können missbraucht werden, wenn Stalker falsche Profile anlegen und darüber verleumderische Inhalte, intime Daten oder Bilder ihrer Opfers verbreiten. Möglich sind auch Warenbestellungen unter ihrem Namen oder der Einsatz von Spyware zur Überwachung und Manipulation. Als ein mutmaßliches Opfer erlangte die Kanadierin Amanda Michelle Todd traurige Berühmtheit. Das 15 Jahre alte Mädchen brachte sich 2012 aus Verzweiflung über einen Cyber-Stalker und wegen Mobbings um.

Zum Thema:
Stalking-Opfer sollten ihr gesamtes Umfeld über die Situation informieren. Das können Freunde, Nachbarn, aber auch Arbeitskollegen sein. Darauf weist Harald Schmidt von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart hin. Öffentlichkeit schütze die Opfer, erklärt Schmidt. Sinnvoll kann es auch sein, sich an eine Opferhilfeeinrichtung zu wenden und bei gesundheitlichen Problemen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unterlagen mit persönlichen Daten wie Rechnungen oder Katalogsendungen landen außerdem besser nicht im Hausmüll. Denn so gelangen sie im schlimmsten Fall in die Hände des Stalkers. Bei Telefonterror ist eventuell eine geheime Rufnummer oder eine Fangschaltung ratsam. Opfer sollten außerdem alles, was der Stalker schickt, und jeden Kontaktversuch in einem Kalender notieren. Das kann später als Beweismittel dienen. Schmidt rät zu einer Anzeige bei der Polizei.