Das Wichtigste in einem großen Krankenhaus sei die Kommunikation, sagt CTK-Geschäftsführerin Heidrun Grünewald. Sie steht mit Mikrofon in einem Hörsaal der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Die Klinik-Chefin hält einen Vortrag. Das Thema: ökonomische Fragen des Krankenhausmanagements. Der Hörsaal ist gut gefüllt. Da es eine öffentliche Veranstaltung ist, sitzen im Publikum auch viele Ärzte, Schwestern - und Vertreter des CTK-Betriebsrates.

Denn im Cottbuser Krankenhaus rumort es. Anfang Februar wurden in der Augen-, Frauen- und Hautklinik sowie der Notaufnahme neue Arbeitszeitmodelle eingeführt. Statt im Bereitschaftsdienst sollen die Ärzte nun im Schichtdienst arbeiten. Die Krankenhausleitung will so die Arbeitszeiten der Ärzte verkürzen. Die Mediziner wiederum befürchten einen Notstand bei der Patientenversorgung, da für das neue Modell nicht genügend Personal am CTK arbeiten würde. Klar ist aber auch: Weniger Bereitschaftsdienst bedeutet für sie weniger Geld. Andererseits will das Krankenhaus sparen. Die 313 Ärzte im CTK sind die einkommensstärkste Gruppe. Durchschnittlicher Verdienst: 100 200 Euro brutto im Jahr. "Der ökonomische Faktor spielt immer eine Rolle", sagt Grünewald vor den Zuhörern im Hörsaal der BTU.

Komplizierte Dienstpläne

In den vergangenen Wochen hat es nach RUNDSCHAU-Informationen über die neuen Modelle mehrere heftige Diskussionen zwischen Personal und Klinikleitung gegeben. Nach den neuen Vorschlägen hätten die Kollegen, die an Samstagen, Sonn- und Feiertagen arbeiten, Anspruch auf Freizeitausgleich. Doch im CTK, so der Vorwurf, arbeiten nicht genug Ärzte, um dann noch eine umfassende Versorgung gewährleisten zu können. Öffentlich über den befürchteten Versorgungsnotstand sprechen will allerdings niemand.

Denn Dienstpläne in Krankenhäusern sind äußerst kompliziert. Es gibt Dutzende Modelle. Die reichen von Dienstzeiten über Gleitzeiten bis zu Plänen, wer wen im Notfall vertreten kann. So kann ein Allgemeinchirurg eine Unfallchirurgie über Nacht mitbetreuen. Ein Augenarzt kann aber nicht in die Gynäkologie geschickt werden. Weil das so kompliziert ist, hat sich das CTK externe Hilfe geholt.

Wie einfach das allerdings sein kann, beweist laut Grünewald die Cottbuser Kinderklinik. Bereits seit fünf Jahren arbeite diese im Schichtbetrieb. "Und dort gab es am Anfang auch Bedenken", sagt die CTK-Chefin. Mittlerweile funktioniere der Betrieb einwandfrei.

Nun sollte unter anderem auch die Notaufnahme nach diesem Modell arbeiten. "Eine autark arbeitende Notaufnahme im Schichtdienst ist Voraussetzung für die Umsetzung des Modells", sagt Angelika Herferth vom CTK-Betriebsrat auf RUNDSCHAU-Nachfrage. Autark bedeutet, dass das Modell mit dem zur Verfügung stehenden Personal auch ohne Probleme umgesetzt werden kann.

Insider gehen davon aus, dass in der Notaufnahme des Klinikums bis zu acht zusätzliche Ärzte eingestellt werden müssten, damit das neue Schichtsystem genauso einwandfrei wie in der Kinderklinik funktioniert. Das CTK hatte mit Anzeigen nach geeigneten Bewerbern gesucht. Tatsächlich neu angefangen hat allerdings nur ein Arzt. Bisher haben sich Klinikleitung und Betriebsrat deshalb nur auf ein Probemodell der neuen Arbeitszeitregelung geeinigt, das nun seit einer Woche läuft.

Laut Klinikleitung würden viele Bewerber abspringen, weil der Stress zu groß und die Arbeitsbelastung zu hoch seien - gerade im alten Modell des Bereitschaftsdienstes. Dem Betriebsrat wirft Grünewald vor, nicht der "Motor von Veränderungen" zu sein.

60- bis 80-Stunden-Wochen

"Veränderungsprozesse schaffen Unruhe. Das ist normal. Aber wir stehen vor großen Herausforderungen - die Arbeitszeitgesetzgebung, die Krankenhausbettenplanung und die Verkürzung der Verweildauer der Patienten. Trotzdem müssen wir gewährleisten, dass die medizinische Versorgungsqualität hoch bleibt", sagt Grünewald. Früher, im Bereitschaftsdienst, waren 60 bis 80 Arbeitsstunden in der Woche beim ärztlichen Personal normal. Das sei arbeitsrechtlich aber nicht mehr zulässig (siehe Zum Thema). Heute, im Schichtdienst, sollten es in der Regel 48 Stunden sein.

"Die Menschen wollen natürlich ausgeruhte Ärzte", gibt Herferth zu bedenken. Aber wenn Ärzte wegen der Verringerung der Arbeitszeit fehlen würden, seien auch keine zur Behandlung da. "Da müssen unter Umständen planbare OPs ausfallen oder die Stationen sind gar nicht besetzt", so die Betriebsrätin auf RUNDSCHAU-Nachfrage weiter. Diese Situation könne man beispielsweise mit einem Bereitschaftsdienst lösen, der auch besser vergütet wird. Doch leider werde genau dieser zurückgefahren.

Schon 2006 begannen am CTK Probeläufe mit neuen Arbeitszeit-Modellen. Damals gab es sogar Dienstanweisungen, dass Mediziner, die im nächtlichen Bereitschaftsdienst nicht mindestens fünfeinhalb Stunden geschlafen haben, am nächsten Morgen nach insgesamt 24 Stunden Arbeits- und Bereitschaftsdienst nach Hause gehen mussten. Die Realität - sie sah oft anders aus. Denn fehlte das Personal, blieben die Ärzte trotz Dienstanweisung auch oft länger in der Klinik, so der Vorwurf.

Dauerbrenner auch in Sachsen

Auch in Sachsen ist das Thema Arbeitszeit ein Dauerbrenner. Bereits 2004 hatte sich das Seenland-Klinikum in Hoyerswerda die Technische Universität Dresden als wissenschaftlichen Begleiter für die Erarbeitung neuer Dienststrukturen mit ins Boot geholt. Heute arbeiten im Hoyerswerdaer Klinikum 821 Menschen, davon 135 im ärztlichen Dienst. Mit 13 Kliniken sowie drei Instituten gehört das Haus zu den größten Arbeitgebern in Nordsachsen. Kosten für das Personal: 35 Millionen Euro. Das Haus hat nach eigenen Angaben auf Schichtdienst umgestellt - auch die Notaufnahme.

In Hoyerswerda gibt es unterschiedliche Arbeitszeitvarianten mit 40-Stunden- und 30-Stunden-Wochen im ärztlichen und pflegerischen Dienst sowie im Verwaltungsbereich. "Wenn Mitarbeiter, egal ob ärztlich oder nichtärztlich, aus ihrer Elternzeit zurückkehren oder einen pflegebedürftigen Angehörigen haben, haben sie die Möglichkeit, als Teilzeit- oder Vollzeitkraft zu arbeiten", sagt Klinik-Sprecherin Stefanie Jürß.

Auch in Hoyerswerda hat es in der Vergangenheit zum Teil heftige Diskussionen gegeben, bevor für die meisten Kliniken Einigungen gefunden werden konnten. Heute würden die Prioritäten gerade bei jungen Ärzten anders liegen. "Die Arbeitszeitmodelle sind an den Bedarf angepasst. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat hohe Priorität", sagt Jürß. Das sei früher ganz anders gewesen.

Zum Thema:
Den Ursprung haben die Diskussionen Anfang 2004. Damals wurden deutschlandweit die Arbeitszeitgesetze geändert. Es wurde festgelegt, dass ärztliche Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit zu werten sind. Bis dato galten sie als Ruhezeit, die nicht auf die Gesamtarbeitszeiten aufgeschlagen wurden. Die Gesetzesänderung ging damals auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zurück. Das Ansinnen: Patienten sollten vor übermüdeten und überarbeiteten Medizinern geschützt werden. Die Gesetzeslage stellt vor allem kleine und mittelgroße Krankenhäuser vor Probleme. Dienste müssen gekürzt, mehr Mediziner eingestellt werden. Unterm Strich eine finanzielle Belastung für die Ärzte, weil sie weniger verdienen, und für die Krankenhäuser, weil sie zusätzliches Personal einstellen müssen, das teurer ist als die gekürzten Bereitschaftspauschalen.