Mit dem Waffenstillstand verteilen die Anhänger der Hisbollah Schokolade an Heimkehrer, bieten Hilfe beim Aufbau zerbombter Häuser und kümmern sich um die Beerdigung von Opfern des Krieges. Schneller als die libanesische Regierung über geeignete Hilfen nachdenken kann, ist die Hisbollah schon vor Ort.
Noch am Tag der Waffenruhe hatte Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah all jenen Hilfe versprochen, die in dem von der Hisbollah ausgelösten israelischen Bombenhagel ihre Häuser und Wohnungen verloren haben. Die Hisbollah ließ mehrere Ingenieur-Trupps in die zerstörten Dörfer und Städte in den Süden und in der östlich gelegenen Bekaa-Ebene ausschwärmen. Dort sollen sie Schadenbilanz ziehen und den Handlungsbedarf feststellen. Ingenieure der Organisation stehen als Ansprechpartner bereit und sollen beim Wiederaufbau mit anpacken. Diejenigen, die ihr Haus in Eigenregie wieder aufbauen, können mit umgerechnet 15 000 Euro Entschädigung rechnen, wie ein Hisbollah-Vertreter in der Stadt Sidon verrät, der wie viele andere Mitglieder der radikalislamischen Organisation nicht namentlich genannt werden möchte.
Nach Angaben eines Hisbollah-Kommandeurs in der Hafenstadt Tyrus sind allein in dieser Region 60 Ingenieure unterwegs, um im Namen der Miliz die Schäden an den Häusern aufzunehmen. Der Bericht wird demnach an Milizen-Chef Nasrallah höchstpersönlich weitergeleitet. Die Einsätze scheinen logistisch gut geplant: Von Tyrus Richtung Nordosten nach Abbassije, Richtung Südosten nach Kafra und Jater und Richtung Süden nach Nakura reichen die Versorgungsachsen. "Wo es möglich ist, werden wir auch Wohnungen mieten", sagt der Hisbollah-Kommandeur. Er dirigiert an einer Kreuzung in Tyrus 150 Männer, die von ungefähr 30 voll beladenen Lastwagen Reis, Zucker, Mehl, Konserven und Säuglingsmilch an die Bevölkerung verteilen.
Über den Zufahrtsstraßen nach Tyrus prangen große gelbe Spruchbänder, die den Heimkehrern verkünden: "Der schöne kleine Libanon hat Israel besiegt". Auf einem anderen steht die Parole, niemals werde man sich dem Feind beugen. Seit den frühen Morgenstunden verteilen junge Menschen in gelben T-Shirts mit Nasrallah-Konterfei an der nicht enden wollenden Autoschlange Süßigkeiten und Schokolade.
Für den 35-jährigen Dschaafar, der ganz in Schwarz gekleidet ist und wie viele streng gläubige Moslems einen üppigen Bart trägt, ist die Hilfe für die Menschen beim Wiederaufbau "eine andere Form des Widerstands" gegen Israel - er verteilt Proviant an die zurückkehrenden Flüchtlinge. In Maarub, Abbassije, Haddatha oder Karfa schieben Räumfahrzeuge der Hisbollah-eigenen Baufirma Dschihad El Bina (Heiliger Wiederaufbau) Schutt zur Seite.
An zahlreichen Orten sind Helfer unterwegs, um Leichen von "Märtyrern" im Kampf gegen Israel zu finden und deren Beerdigungen zu organisieren. "Wir besuchen Familien, deren Häuser zerstört wurden, um die genaue Zahl von Märtyrern zu erfahren, die dann in einem Bericht an das Generalsekretariat der Partei weitergeleitet werden", sagt die 25-jährige Amal, die sich zum Zeichen der Verehrung ein Bildnis Nasrallahs an ihren Tschador heftete.
Die Anhänger der zweiten libanesischen Schiiten-Partei Amal reagieren zum Teil irritiert über die derart zur Schau gestellte Eilfertigkeit der Hisbollah. "Wir haben sie gebeten, die Menschen erst mal nach Hause kommen zu lassen und ihnen eine Verschnaufpause zu gönnen, aber sie ignorieren das", sagte ein Amal-Mitglied in der Stadt Srifa. Auch er möchte seinen Namen nicht nennen.