Als die Feuerwehr um 2.34 Uhr anrückt, steht die Turnhalle des Oberstufenzentrums Havelland bereits in hellen Flammen. Es ist nichts mehr zu machen. Die Kameraden entscheiden sich, das Gebäude kontrolliert abbrennen zu lassen. Nauen ist zum Ort des ersten Brandanschlags auf ein geplantes Flüchtlingsheim in Brandenburg geworden.

Am Morgen danach breitet sich in Brandenburg Bestürzung aus. "Wir sind noch nicht hundertprozentig sicher", sagt Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) auf die Frage, ob es sich bei dem Feuer um die Tat von Rechtsextremen handelte. "Aber alles andere wäre wohl ein sehr großer Zufall."

Rechtsextreme Szene in der Stadt

Entsprechend deutlich verurteilt Woidke die Geschehnisse der Nacht: Sie seien "eine Schande für unser Land" und schadeten dem Ansehen Brandenburgs. "Wir werden uns durch solche Brandstifter nicht davon abbringen lassen, Menschen, die in Not geraten sind, in Brandenburg vernünftig unterzubringen", sagt Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD).

Nauen freilich stand schon in den vergangenen Monaten für eine immer gewalttätigere rechtsextreme Szene. Das Parteibüro der dortigen Landtagsabgeordneten der Linken, Andrea Johlige, wurde gleich mehrfach Opfer von Anschlägen. Bürgerversammlungen zur geplanten Asylbewerberunterkunft eskalierten, im Februar musste deswegen sogar der Saal geräumt werden. "Wir haben in Brandenburg eine gewaltbereite rechtsextreme Szene", sagt Ministerpräsident Woidke.

Immer mehr Neonazi-Gewalt

Der Verein Opferperspektive teilte am Dienstag mit, dass die Zahl der rechtextremen Gewalttaten in Brandenburg bis Ende Juli schon das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht hätte. "Ich hoffe und erwarte, dass alle demokratischen Parteien sich eindeutig und ohne Relativierungen im Sinne einer menschlichen Flüchtlingspolitik positionieren", sagt die Linken-Landtagsabgeordnete Andrea Johlige. Ganz ähnlich äußert sich auch CDU-Landeschef Ingo Senftleben. Die Verantwortlichen müssten zügig ermittelt und "mit der ganzen Härte des Gesetzes" bestraft werden. "In Brandenburg ist kein Platz für menschenverachtende Ideologie".

Die Stadt Nauen indes verwies gestern auch auf das in der Stadt durchaus vorhandene Engagement von Willkommensinitiativen.

Hilfe für Asylsuchende

Am Abend fand vor dem Grundstück des geplanten Asylbewerberheims eine Mahnwache statt. "Denn Nauen ist trotz dieser Ereignisse eine weltoffene Stadt, in der die große Mehrheit Flüchtlinge willkommen heißt und bereit ist, diese bei ihrer Integration bestmöglich zu unterstützen", heißt es in einer Mitteilung der Initiative. Und auch der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, sprach von einem "erschreckenden Rückschlag für die Hilfsbereitschaft und Offenheit der Bürgerinnen und Bürger von Nauen." Die Mehrheit der Bevölkerung vor Ort setze sich "mit großem, oftmals ehrenamtlichen Engagement dafür ein, dass sich Flüchtlinge in dieser Region willkommen fühlen."

Gauland sorgt für Diskussionen

Einzig AfD-Fraktionschef Alexander Gauland fiel mit seinen Äußerungen gestern wieder einmal aus dem Rahmen. Die AfD verurteile die Tat auf das Schärfste. "Die Verantwortung für solche Taten haben aber die gesamte Gesellschaft und in erster Linie die Politiker der Altparteien, die zur jetzigen Eskalation der Flüchtlingsproblematik beigetragen haben", erklärte Gauland. "Eine zügige Bearbeitung der Asylanträge und eine konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber hätten schon frühzeitig die Situation in Brandenburg und auch in Nauen entspannt."

SPD-Generalsekretärin Klara Geywitz bezeichnete diese Äußerungen als "abscheulich." Gauland rechtfertige den fremdenfeindlichen Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft und schiebe die Verantwortung von den Tätern auf diejenigen, die Kriegsflüchtlingen helfen und sie willkommen heißen wollen. "Das ist eine neue radikale Qualität, die wir in Brandenburg so bisher nicht kannten."