Auch bei Tochter Anne ruft das Meeresrauschen noch drei Monate nach dem Jahrhunderthochwasser ungute Erinnerungen hervor.
Doch die Fluten von Elbe und Weißeritz sind weit entfernt. Die beiden Freitalerinnen gehören zu einer Gruppe von insgesamt 97 Flutopfern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern, die vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) für eine Mittelmeerkreuzfahrt an Bord der MS European Stars ausgewählt wurden. Auf der einwöchigen Rundfahrt, die am Montag vergangener Woche in Genua begann, sollten die Betroffenen Abstand von ihrem noch schweren Alltag gewinnen, aber auch Kraft für einen Neuanfang tanken.
"Wir waren beim Frühstück, als wir merkten, dass etwas nicht stimmt", erinnert sich Forke auf dem Sonnendeck des Schiffes an jenem Morgen im August. Binnen weniger Stunden war die Weißeritz in Freital zu einem reißenden Strom angeschwollen. Plötzlich sei das Haus abgesackt.

Bilder gingen um die Welt
"Zuerst wussten ich und meine Tochter nicht wohin", sagt die 42-Jährige. In höchster Not hätten sie sich dann gemeinsam mit zwei weiteren Hausbewohnern über zusammengeknotete Bettlaken aus dem ersten Stock in das brusthohe Wasser abgeseilt und in das Haus eines Nachbarn gerettet. "Die Bilder unserer anschließenden Hubschrauberrettung sind um die Welt gegangen", merkt die 42-Jährige mit einem Lächeln an. "Wir sind sogar kurz im Benefizvideo 'Lieber Gott' von Marlon zu sehen."
Trotz aller Entbehrungen versucht die Altenpflegehilfskraft aus Freital, der Katastrophe auch Positives abzugewinnen. "Glück und Unglück sitzen in einem Schlitten", sagt sie mit Zuversicht. Die Solidarität und die Spendenbereitschaft der Menschen nach der Flutkatastrophe seien einmalig gewesen. Auch ihre Familie und Freunde hätten sehr geholfen. "Und schließlich hätten wir sonst auch keine so schöne Kreuzfahrt bekommen", fügt Forke hinzu.
Die Schiffsfahrt sei auch so etwas wie eine Therapie für sie. "Wir müssen uns dem Wasser und unseren Ängsten davor stellen, ansonsten kommen wir über das Erlebte nie hinweg". Auch der Geschäftsführer von Festival Deutschland, Heiko Jensen, dessen Reederei die Kreuzfahrt spendierte, ist sich der Problematik bewusst. "Natürlich hatten wir am Anfang bedenken, Flutopfer zu einer Kreuzfahrt einzuladen", sagt er im Anschluss an einen Cocktailempfang für die Flutopfer an Bord der European Stars. "Aber zuerst einmal wollten wir helfen".

Bedenken legten sich schnell
Daher habe das Kreuzfahrtunternehmen das DRK gebeten, 100 schwer betroffene Flutopfer für die Kreuzfahrt auszuwählen. Mehrere von ihnen seien dann zur Show "Herbstfest der Volksmusik" mit Carmen Nebel eingeladen worden. Einige Betroffene seien aber recht skeptisch gewesen, als ihnen dort mitgeteilt wurde, dass sie für eine Kreuzfahrt ausgewählt worden seien. Die Bedenken hätten sich jedoch schnell gelegt.
Auch Ingrid Forke hat ihre anfängliche Angst vor dem Wasser schnell überwunden. "Der Service hier an Bord ist echt klasse und auch die Städte, die das Schiff anfährt, haben mir gut gefallen", sagt sie zum Ende der Kreuzfahrt. Doch in die Ausgelassenheit der Bordfeierlichkeiten mischen sich auch immer wieder trübe Gedanken. "Letztlich denke ich noch oft an unsere alte Traumwohnung", sagt sie wehmütig. Aber trotz des Erlebten wolle sie auf jeden Fall in Freital bleiben.