C hristoph Wowt scherk (25) sitzt an einem der Tische eines Cafés am Hoyerswerdaer Altstadt-Markt – keine 100 Meter davon entfernt haben Fernseh-Journalisten und der frühere SPD-Hoffnungsträger Oskar Lafontaine vor knapp 20 Jahren gestanden und versucht, die Frage der Fragen zu klären: Wieso haben sich diese ausländerfeindlichen Übergriffe gerade in Hoyerswerda zugetragen ?

Wowtscherk, der im Hoyerswerdaer Ortsteil Dörgenhausen aufgewachsen ist und zurzeit wieder dort lebt, hat zwei Thesen: Zum einen haben die sozialen Ängste in der früheren 70 000-Einwohner-Stadt zur Gewaltentladung geführt, zum anderen führte das Machtvakuum bei der Polizei dazu, dass sich die Ordnungshüter selbst nicht sicher waren, wie sie am besten gegen die Randalierer vorgehen.

Im Jahr 1991 änderte sich für viele Hoyerswerdaer alles: Das Gaskombinat Schwarze Pumpe zerfiel, viele Betriebe wurden umgebaut oder entließen einen Großteil der Belegschaft. Jedoch, sagt Wowtscherk, dient nicht allein dieser Faktor als Erklärung für die aufgeheizte Stimmung. Die Arbeitslosenquote habe bei knapp über acht Prozent gelegen – ein Wert, der damals im Vergleich noch niedrig war. „Doch aufgrund der großen Umstrukturierungen herrschte die Angst vor Arbeitslosigkeit und die Angst vor dem sozialen Abstieg“, sagt der 25-Jährige. Dies habe zu einem großen sozialen Druck geführt. „Einige Zeitzeugen haben mir erzählt, dass es in der Stadt regelrecht gegärt hat“, erzählt er.

Mitten in der Umbruchsituation bekam auch Hoyerswerda Asylbewerber zugeteilt. Ein früheres Lehrlingswohnheim im Wohnkomplex IX diente als Zufluchtsort für mehr als 20 Nationen – und bot wegen wilder Müllhaufen und nächtlicher Ruhestörungen Reibungspunkte mit der Bevölkerung. Zwar hatten in der Stadt seit den 70er-Jahren Vertragsarbeiter aus Afrika und Asien gelebt – jedoch waren sie meist isoliert.

Die Polizei ist für Christoph Wowtscherk das zweite wichtige Puzzlestück für die Aufarbeitung der Ausschreitungen. Ein Jahr nach der Wende herrschte bei der Polizei noch Unklarheit, welche Kompetenzen sie im vereinten Deutschland hat. „Die Wahrnehmung von Polizei war plötzlich eine andere. Die ABVs waren nicht mehr da, und bei den Menschen stieg die Angst vor mehr Kriminalität – und der Glaube, dass der Staat sie nicht mehr schützen kann.“

Nachdem die Randale am 17. September begann, sei dennoch überraschend gewesen, dass sich zunächst wenige anschlossen, aber weit mehr Hoyerswerdaer die Randale schweigend oder durch Applaus unterstützten, so Wowtscherk.

Ein Zeichen, dass die Polizei mit dieser Situation überfordert war, sei der Ablauf der Gewalttage. Ab 17 Uhr – quasi nach Schichtende – seien die Übergriffe an den ersten Tagen immer wieder aufgeflammt. Die Polizei habe die Angreifer zwar immer zurückdrängen können. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass sich die Gewalt wiederholte und ausweitete. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte Hoyerswerda den Stempel als Rechten-Hochburg auf der Stirn.

Christoph Wowtscherk hat das Thema aus Interesse untersucht – und weil ihm zu Beginn seines Studiums in Greifswald aufgefallen war, dass die Ausschreitungen in seiner Heimatstadt wissenschaftlich kaum aufgearbeitet sind. „Hoyerswerda ist ja keine rechtsradikale oder ausländerfeindliche Stadt“, sagt er. Von damals 70 000 Einwohnern haben etwa 500 mitgemacht – das sind weniger als ein Prozent.