"Nicht nur gestresste Manager" nutzen solche Angebote, wie der Sprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Volker Jastrzembski, sagt. Das Interesse an einer Einkehr wachse. "Damit zeigt sich ein verlorener Teil unserer Spiritualität", sagte Jastrzembski. Viele Menschen suchten nach Orientierung und Besinnung. Vor allem von Frauen genutztDie Möglichkeit, sich aus dem Alltag zurückzuziehen, bietet unter anderem das Kloster Stift zum Heiligengrabe (Ostprignitz-Ruppin). Regelmäßig seien sowohl Gläubige als auch nicht kirchlich gebundene Menschen in dem Kloster zu Gast, berichtet Äbtissin Friederike Rupprecht. Vor allem Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren nutzten die "Einkehrzeiten", um zur Ruhe zu kommen, sich neu zu orientieren und in sich hinein zu hören. Andere zögen sich zu Höhepunkten des Kirchenjahres wie Ostern oder der Jahreswende für einige Tage in das Kloster zurück. Viele Besucherinnen suchten das Gespräch mit Seelsorgern und nähmen an Andachten teil.

"Andere wollen spazieren gehen, lesen und in Ruhe gelassen werden." Ganz für sich sein möchte etwa eine Studentin, die sich in den Semesterferien regelmäßig für eine Weile ins Missionshaus Malche in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) zurückzieht. Auf dem Gelände gehe es lebhaft und ruhig zugleich zu, schilderte Mitarbeiterin Susanne Haupt. "Man kann hier sehr gut zu sich kommen." Wer Ruhe suche, finde sie, aber es sei auch Kontakt zu anderen Menschen möglich. Einkehren können Brandenburger auch im Kloster Alexanderdorf (Teltow-Fläming), in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) oder bei der Kommunität Grimnitz bei Joachimsthal (Barnim). Die Angebote sind in der Regel kostenpflichtig. Der Potsdamer Psychologe Gerd Reimann wertet das Interesse an Selbstreflektion und Ruhe als Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses zum Innehalten. Alle Menschen bräuchten "Auszeiten", um in sich zu gehen und das eigene Leben zu überdenken. Es gehe darum, Bilanz zu ziehen und zugleich Perspektiven zu entwickeln. Wo diese "Fahrt ins Ich" stattfinde, sei typabhängig.

Während es für einige Menschen dann gut sei, abgeschieden in sich zu gehen, bräuchten andere Gespräche dafür. Nicht für alle geeignetReimann mahnt aber zugleich zur Vorsicht. Ein "Trip in sich selbst" könne dramatische Folgen haben, sodass psychologische Unterstützung im Notfall hilfreich sein könne. Für Menschen, die an Depressionen oder Schizophrenie litten, komme eine solche Einkehr nicht infrage. Grundsätzlich könnten Menschen durch Selbsterkenntnis viel gewinnen, sagte Reimann. Es sei sinnvoll, sich ein- bis zweimal im Jahr Zeit dafür zu nehmen. Gut abgeschottete Orte ohne Ablenkungsmöglichkeiten seien dafür geeignet. Der Psychologe riet aber vor allem Neulingen, auf die Betreuung zu achten. So seien Menschen, die ernsthaft mehr Klarheit über sich selbst gewinnen wollen, in Selbsthilfegruppen oder bei Esoterikern nicht so gut aufgehoben. dpa/das