Der Erfolg von Fritz Kuhn bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart beschert den Grünen nicht nur neuen Aufwind, sondern auch eine Debatte zur Unzeit: Ihnen droht ein Flügelstreit über die Ausrichtung der Partei im Bundestagswahlkampf.

Dazu muss man wissen: Mit Fritz Kuhn und dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr haben zwei Realpolitiker satte Siege für die Grünen eingefahren. Beide konnten kräftig im bürgerlichen, großstädtischen Lager punkten, und zwar "hart an den realpolitischen Themen", wie man selbst in Berlin erkannt hat. Außerdem mit einer deutlich anderen Tonlage, als sie mitunter von den schrillen Hauptstadt-Grünen gepflegt wird.

Alexander Bonde, einst Bundespolitiker, inzwischen grüner Minister für Verbraucher- und Naturschutz im Ländle, rät deshalb seiner Partei: "Wer gute Wahlergebnisse will, muss an einer breiten, gesellschaftlichen Verankerung arbeiten - programmatisch und personell." Die Grünen, so Bonde der RUNDSCHAU, hätten bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr "große Chancen als starke Kraft in der politischen Mitte". Sätze, die in der Berliner Parteizentrale gar nicht gut ankommen.

Der erste Wahlsieg in einer Landeshauptstadt hat erhebliches Flügelrascheln verursacht, und das zu einer Zeit, in der die Grünen noch bis zum Ende des Monats ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl per Urwahl suchen. Mit welcher Strategie lassen sich ähnliche Erfolge wie in Baden-Württemberg auch bundesweit erzielen?

Fakt ist: Der Umfrage-Höhenflug vergangener Tage ist passé, für Rot-Grün langt es nach jetzigem Stand nicht. Auch wenn Roth gestern betonte, die Wahl in Stuttgart gebe Rückenwind, "der Wechsel im Bund ist möglich", so gibt es desgleichen Parteifreunde, die anders denken. Sie sorgen sich, dass der neue Schwung verloren gehen könnte, weil die Grünen sich dann doch zu sehr auf die Stammwählerschaft konzentrieren könnten statt "breit aufzutreten". Roth, die sich ebenfalls um die Spitzenkandidatur ihrer Partei bewirbt, zeigte sich gestern sichtlich genervt angesichts der aufkommenden Diskussion. "Ich möchte mir nicht durch eine Neo-Flügeldebatte die Geschlossenheit durchschießen lassen", reagierte sie erzürnt. "Stuttgart ist Stuttgart, Kreuzberg ist Kreuzberg", so Roth vielsagend. Außerdem müsse sie sich nicht sagen lassen, sie mache "anti-bürgerliche Politik".

Das klang zunächst nach deutlicher Kritik an eigenen Parteifreunden. Gemeint seien aber "CDU und CSU", schob die Vorsitzende rasch nach.

Roth kritisierte dann noch Bonde mit ironischem Unterton: "Herr Bonde ist ein echter, grüner Bürgerlicher." Die Richtungsdebatte bei den Grünen ist damit eröffnet.