Vor sieben Jahren erklärte die orthodoxe Kirche die Romanows zu Märtyrern. Inzwischen pilgern immer mehr Gläubige in die Stadt im Ural, um das Andenken des letzten russischen Zaren zu ehren. Auch die Begräbnisstätte außerhalb Jekaterinburgs entwickelt sich immer mehr zu einem Wallfahrtsort.
Bis heute sorgt der Tod der Zarenfamilie für Diskussionen in Russland. Immer wieder gibt es Spekulationen um Überlebende, doch Tatsache ist: Die gesamte Familie wurde am 17. Juli 1918 ermordet. Neben Nikolaus II. und seiner Frau Alexandra starben ihre vier Töchter Olga, Tatjana, Maria und Anastasia und der erst 14-jährige Thronfolger Alexej.

Die Mörder kamen nachts
Das Erschießungskommando kam nachts in das Haus, in dem die Romanows festgehalten wurden. Unter einem Vorwand wurden die Familie und vier Bedienstete in den Keller gelockt. Dort wurden sie erschossen. Da die Mädchen mit versteckten Juwelen im Mieder gegen den Kugelhagel immun zu sein schienen, erstachen die Mörder sie mit Bajonetten. Die Leichen wurden auf einen Lastwagen geworfen und aus der Stadt gefahren. Dort wurden sie entkleidet und nach Auffassung der orthodoxen Kirche im Wald verbrannt. Nach neueren Erkenntnissen hingegen sind wohl aus Zeitmangel - die konterrevolutionären weißen Truppen standen kurz vor Jekaterinburg - nur zwei Opfer verbrannt worden, die übrigen Leichen verscharrten die Bolschewiki anderenorts im Morast. Anschließend ließen sie einen Lkw mehrfach über das Grab rollen, um die Romanows für immer verschwinden zu lassen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Bereits der von den Weißgardisten eingesetzte Ermittler Nikolai Sokolow fand erste Spuren der Tat: Feuerstellen, Kleidungsfetzen und einzelne Knochenreste. Er schloss daraus, dass die Familie vollständig verbrannt wurde.
Vor ein paar Jahren wurde die zweite Grabstelle entdeckt. Die neun dort liegenden Leichen wurden schließlich in St. Petersburg beigesetzt. Nun wollen Archäologen auch die Skelette der bislang fehlenden Zarenkinder Alexej und Maria gefunden haben. Im August wurde die Entdeckung publik gemacht. Mittels einer DNA-Analyse soll bis zum Jahresende bestimmt werden, ob es sich dabei tatsächlich um die Gesuchten handelt.
Die Regierung des Verwaltungsgebiets Swerdlowsk ist schon jetzt von der Echtheit des Funds überzeugt. Oleg Gubkin, stellvertretender Kulturminister der Region, hat sich bereits dafür ausgesprochen, ein neues Denkmal für die Zarenfamilie an der Ausgrabungsstelle aufzustellen.

Die orthodoxe Kirche zweifelt
Die orthodoxe Kirche hingegen zweifelt bislang alle Funde an und beharrt auf ihrer Verbrennungsversion. In Ganina Jama, an der Stelle, an der Lagerfeuer und einzelne Knochen entdeckt wurden, ließ das Moskauer Patriarchat vor sieben Jahren das "Kloster der heiligen Zaren-Märtyrer" errichten. Die erste Kirche war innerhalb von drei Monaten fertig. "Inzwischen stehen sieben Kathedralen", erklärt Seminarist Nikolai, der als Fremdenführer im Kloster aushilft.
Im Kloster soll es bereits zu Wundern gekommen sein. Vor einigen Jahren sei eine Gruppe schwerhöriger Kinder gekommen, erzählt Nikolai. "Einer der Jungen kaufte sich eine Zaren-Ikone, legte sie ans Ohr und betete, dass er wieder hören könne", berichtet er. Am nächsten Tag konnte er dann tatsächlich hören. "Die Gruppe war später nochmal hier im Kloster, um sich zu bedanken", sagt Nikolai. Viele glauben inzwischen an die Wunderkraft des Zaren. Daher kommen die Gläubigen in Scharen nach Ganina Jama. Am Todestag der Zarenfamilie reihten sich in diesem Jahr gut 10 000 Pilger aus ganz Russland in den Prozessionszug ein, der von der "Blutkirche" bis ins 25 Kilometer entfernte Kloster führte. "Ich war das erste Mal dabei und muss gestehen, die Menschenmenge war beeindruckend", berichtet Wsewolod Tschaplin vom Außenamt der Kirche.
Für viele Gläubige ist der Zar, der von Historikern nicht als sehr fähiger Herrscher eingestuft wird, nach seinem grausamen Tod zu einem wahren Heiligen aufgestiegen. Nicht ohne Grund ließ die kommunistische Parteiführung das Haus, in dem Nikolai II. ermordet wurde, in den 70er-Jahren abreißen. Es war zu einem Treffpunkt vieler Zarenverehrer geworden. Zunächst habe das Volk die Zarenfamilie zu Heiligen erhoben, dann erst sei die orthodoxe Kirche dem Beispiel gefolgt, räumt auch Tschaplin ein. Die Kirche ließ schließlich an der Stelle des abgerissenen Todeshauses eine Kathedrale errichten.