Hans Frausts Blick geht ins Leere: "Ich sehe mich immer wieder vor meinem Haus hin- und herlaufen, 1000-mal mindestens." Noch heute klingt dem 65-Jährigen das Schreien einer Nachbarin in den Ohren, die im Nachthemd auf der Straße läuft. Von seinem Haus aus erblickt Fraust am Morgen des 18. Juli 2009: Nichts als den Concordia-See. Zwei Wohnhäuser sind zusammen mit 2,8 Millionen Kubikmetern Erdreich abgerutscht. Drei Bewohner werden mit in die Tiefe gerissen, ihre Leichen wurden bis heute nicht gefunden. Hans Frausts Haus steht zwölf Meter von der Abbruchkante in Nachterstedt (Salzlandkreis) entfernt. Am heutigen Donnerstag wird mit dem Abriss der Siedlung am ehemaligen Braunkohletagebau begonnen.

Die Zufahrtstraße nahe dem Ortskern ist bewacht. Auf einem Schild steht: "Lebensgefahr Bergbaugelände - unbefugtes Betreten verboten!" Seit dem Erdrutsch auf einer Breite von rund 350 Metern ist die Gegend mit 150-jähriger Bergbautradition gesperrt. Hinter kahlen Bäumen stehen die Häuser, die Hans Fraust und rund 40 weitere Bewohner plötzlich verlassen mussten. Nur einmal durften sie für wenige Minuten zurück, um einige persönliche Dinge zu holen. Für den Rest wurden sie entschädigt. Das Unglück hatte vor rund dreieinhalb Jahren über die deutschen Grenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt.

Nun reißt die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH die Siedlung "Am Ring" ab. Zwölf Doppelhaushälften, ein Einfamilienhaus und 48 Nebengebäude werden von Abrissbaggern kurz und klein gemacht. "Wir gehen mit Demut an die Arbeit, denn wir wissen, dass das für die ehemaligen Bewohner ein harter Moment ist", sagt Unternehmenssprecher Uwe Steinhuber. Die Siedlung war Ende der 1930er-Jahre entstanden. Ziel ist nun, eine sichere Böschung an dem Bergbausee zu schaffen, damit der Concordia-See wieder genutzt werden kann.

Hans Fraust weiß noch nicht genau, ob er am Donnerstag Zaungast beim Abriss sein wird. Eigentlich möchte der gelernte Maler nur die guten Erinnerungen aus zehn Jahren in der Siedlung behalten. Er machte - freilich noch verbotene - Bootstouren auf dem entstehenden See, der Wald war nahe, und die Gegend war Spazierstrecke für die Nachterstedter am Wochenende und in der Freizeit. "Es wurde von Tag zu Tag schöner."

Während Fraust im Erzählen oft den Tränen nahekommt, nimmt es Gareis, der seit 1982 "Am Ring" wohnte, weniger emotional. "Vergessen kann man so was natürlich nicht, man findet sich aber damit ab", sagt der Senior.

Die Bewohner haben nach dem Unglück sehr schnell sehr viel Unterstützung erfahren. "Uns hat keiner im Regen stehen lassen", sagen Fraust und Gareis. Die Bergbaugesellschaft, die sich um die Nutzung der ehemaligen Tagebaugebiete kümmert, die Gemeinde und viele Spender hätten geholfen. "Wir haben uns alle neue Häuser gekauft, der Lothar erfüllt sich seine Motorradträume." Gareis, bald 75 Jahre alt, lebt jetzt allein in einem gemieteten Haus mit Grundstück. Er zeigt stolz Fotos von seinen acht Motorrädern.

Bürgermeisterin Heidrun Meyer hofft wie die Bewohner der Gegend auf die Ergebnisse der Ursachenforschung. Bis zum 30. Juni werden sie erwartet. Und Meyer will noch mehr: den Tourismus wieder ankurbeln.

Vor dem Unglück seien viele Ausflügler an den See gekommen, Wassersportler, Spaziergänger, Camper - der Harz ist nur eine Viertelstunde entfernt. Sie fordert, dass wenigstens ein Teil des Sees freigegeben wird. "Wir können nicht einfach das Wasser ablassen", sagt Meyer. Allerdings müsse Sicherheit her. "Wir haben auch Verantwortung für die nächsten Generationen."