Auch die jüngsten Umfragen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Mehrheit für ein "Ja" gesichert ist. Knackpunkt ist jedoch die Wahlbeteiligung. Laut Verfassung muss sie bei mindestens 50 Prozent der etwa 2,6 Millionen Wahlberechtigten liegen, andernfalls ist das Referendum ungültig.
Litauen gehört zu den zehn überwiegend ost- und mitteleuropäischen Kandidaten, deren Aufnahme in die EU für den 1. Mai 2004 vorgesehen ist. Malta, Slowenien und Ungarn haben die europäische Integration bereits per Volksentscheid akzeptiert. "Unser derzeitiger Feind sind die Kartoffeln", sagt Petras Austrevicius, der für die ganz auf die EU eingestellte litauische Führung die Beitragsverhandlungen führte. Bei gutem Wetter könnten seiner Meinung nach viele Leute in dem landwirtschaftlich geprägten Land den Gang auf den Acker dem zur Wahlurne vorziehen. Der Leiter des Instituts für internationale Beziehungen und politische Wissenschaften in Vilnius, Raimundas Lopata, teilt die Befürchtungen des Diplomaten. Er hat allerdings eine andere Erklärung für das mögliche Verfehlen des Quorums am Wochenende: "Es ist uns nicht gelungen, der Bevölkerung Europa wirklich nahe zu bringen. Die Befürworter des Beitritts haben nicht leidenschaftlich genug für ihr Anliegen gekämpft ."
An der fehlenden Reklame kann es eigentlich nicht liegen. In den Medien, auf den Straßen, in den Briefkästen - die Werbung für den EU-Beitritt war des Guten fast zu viel. Euro-Bier, Euro-Mineralwasser und andere eigens geschaffene Produkte pro Europa sollten euphorisierend auf die noch Zweifelnden wirken und der "Eurobus" legte als mobiles Informationszentrum landauf, landab Tausende von Kilometern zurück.
Am 29. April ergab ein simuliertes Referendum an den Oberschulen des Landes 80 Prozent für den Beitritt. In Litauen ist das Ergebnis des Volksentscheids für das Parlament bindend. Mehr als 66 Prozent der Befragten waren zuletzt für den EU-Beitritt, nur etwas über 13 Prozent dagegen und etwa 20 Prozent noch unentschieden. Ein "Ja" zur EU im Europa-begeisterten Litauen hätte Auswirkungen auch auf Polen, das größte EU-Beitrittsland, in dem das entsprechende Referendum am 7. und 8. Juni ansteht. Dasselbe gilt für die beiden baltischen Republiken Estland und Lettland, wo am 14. beziehungsweise 20. September abgestimmt wird, und wo es wesentlich mehr Euroskeptiker als in Litauen gibt.
Angesichts der spannenden Partie am Wochenende stärkten hochrangige europäische Politiker der Regierung in Vilnius den Rücken. Ende April ließ es sich Präsident Rolandas Paksas, ein ehemaliger Kunstflugmeister, nicht nehmen, EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen als Kopilot in seiner Maschine sein flugtechnisches Können mit einem Looping zu demonstrieren. Der letzte in der illustren Reihe war am Mittwoch der amtierende EU-Ratspräsident, Griechenlands Regierungschef Kostas Simitis.