Es ist dreieinhalb Jahre her, dass sich Helmut Kautge und Martin Neumann das erste Mal begegnet sind. Das Deutschlandstipendium hatte noch in den Kinderschuhen gesteckt. Doch für den damals mit FDP-Mandat in den Bundestag gewählten Neumann war klar, dass er ein Förderer sein würde. "Ich war von der Idee der Förderung von besonders begabten Studierenden überzeugt", erklärt der Vetschauer rückblickend. Jungen Leuten zu ermöglichen, dass sie unbeschwerter studieren und sich ohne finanzielle Sorge der Wissenschaft widmen können, "dazu wollte ich beitragen".

Dass Helmut Kautge für das 300-Euro-Stipendium (150 von Neumann und 150 vom Bund) ausgewählt wurde, darauf hatte Neumann keinen Einfluss. Die Auswahl liegt in Verantwortung der Hochschulen. Die BTU Cottbus-Senftenberg hatte den damals 27-jährigen Masterstudenten vorgeschlagen. "Bafög bekam ich nicht. Ich musste neben dem Studium jobben gehen." Kautge arbeitete an einer Tankstelle und als studentische Hilfskraft. "Das Stipendium hat es mir ermöglicht, mehr Zeit zum Forschen, für Praktika und für die Masterarbeit zu haben", schildert der ausgebildete Elektrotechniker, der seine Lehre, das Studium und letztlich auch die Masterarbeit mit "Ausgezeichnet" abgeschlossen hat. Seine Forschungen zum Thema "Entwicklung breitbandiger GaN-Leistungsverstärker im Frequenzbereich von sechs bis 18 GHz" wurden 2013 als beste Masterarbeit der Fakultät Maschinenbau, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen der BTU ausgezeichnet.

Inzwischen ist Helmut Kautge als Entwicklungsingenieur für Hochfrequenztechnik bei der Novero Dabendorf GmbH angestellt. In dem Unternehmen am Standort zwischen Zossen und dem Berliner Autobahnring werden unter anderem Antennenverstärker - Kautges Spezialgebiet - produziert und weiterentwickelt. Kautges erster Antennenverstärker für die Autoindustrie wird bereits verkauft. "Mein Deutschlandstipendium hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich ohne großen finanziellen Druck zu Ende studieren konnte", schätzt der 30-Jährige heute ein. Zudem habe er es als überaus positiv empfunden, dass dieses Stipendien-Programm nicht - wie viele andere - ans Bafög gekoppelt ist. "Hier zählen Leistungen."

Seinen Förderer hat der Ingenieur für Elektrotechnik ein wenig aus den Augen verloren. Während der Studienzeit hatten sie sich viermal getroffen, auch im Bundestag in Berlin. "Hautnah zu erleben, wie Politik und Demokratie funktionieren, war für mich überaus spannend", erinnert sich Helmut Kautge. Da sich bei Kautges vor einem Monat Familienzuwachs eingestellt hat, gibt es vielleicht eine neuerliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme. Zumal das heimatliche Lichterfelde beinahe auf dem Weg von Martin Neumann zu seiner Professur an der Hochschule Magdeburg-Stendal liegt.

An der BTU Cottbus-Senftenberg ist nach Neumanns erster privater Förderung inzwischen eine Reihe von Unterstützern hinzugekommen. Auch hier bestätigt sich die Einschätzung von Bundesministerin Johanna Wanka, "dass sich das Deutschlandstipendium in der Hochschullandschaft etabliert hat". Bundesweit seien im Vorjahr 19 740 Deutschlandstipendien an deutschen Hochschulen vergeben worden - 42 Prozent mehr als 2012. "Für mich ist der Einsatz von Förderern und Hochschulen für eine neue Stipendienkultur in Deutschland eine Spitzenleistung", resümiert Wanka.

Knapp drei Viertel aller Hochschulen in Deutschland beteiligen sich inzwischen am einkommensunabhängig vergebenen Deutschlandstipendium. Damit haben bundesweit 90 Prozent aller Studierenden die Chance, sich an ihrer Hochschule um eine Förderung zu bewerben. Eingetragen in die Liste der Förderer an der BTU ist auch die envia Mitteldeutsche Energie AG mit Sitz in Chemnitz. Sie unterstützt seit 2011 Studenten an den Hochschulen in Mitteldeutschland. Mit der BTU ist seither ein Stipendium pro Jahr vereinbart. "Die Initiative und der Vorschlag gehen letztlich von der Universität aus", schildert Silvia Müller, Personalreferentin bei enviaM. Dass der Studierende aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Elektrotechnik oder Wirtschaftsingenieurwesen kommen soll, verstehe sich. Silvia Müller bestätigt zudem, dass das Deutschlandstipendium auch eine Form darstellt, engagierte Studierende frühzeitig mit dem Unternehmen vertraut zu machen und hier eine Perspektive aufzuzeigen. "Die Energiewende braucht schließlich gut ausgebildete Fachkräfte", erklärt die Personalreferentin.

Gleich sechs BTU-Stipendien pro Jahr übernimmt die Kjellberg-Stiftung Finsterwalde. "Damit werden wir in erster Linie unserem Stiftungszweck gerecht", betont die Vorstandsvorsitzende Regina Bickert. Davon profitieren zudem die TU Dresden, die Uni Hannover und die Viadrina in Frankfurt (Oder). Wie die Kjellberg-Stiftung sieht auch die Kranunion Eberswalde im Engagement für das Deutschlandstipendium eine gute Möglichkeit, den Bekanntheitsgrad des Unternehmens zu erhöhen. "Nachwuchs und Leistung zu fördern, das haben wir gern angenommen", sagt Personalchefin Gabriele Mühlner. Die Kranunion arbeite seit Langem mit den Wissenschaftlern der BTU zusammen. Immerhin gehe es für den Weltmarktführer bei der Produktion von Doppellenker-Kranen darum, Effizienz, Sicherheit und Umweltfreundlichkeit der Krane stets weiterzuentwickeln. "Natürlich eröffne das gegenseitige Kennenlernen über das Stipendium auch die Chance, bei künftigen Fachkräften Interesse an unserem Unternehmen zu wecken", erklärt die Personalleiterin.

Im Güterverkehrszentrum Großbeeren nahe dem südlichen Berliner Autobahnring ist die Spitzke SE beheimatet. Das europaweit agierende Bahninfrastrukturunternehmen erfülle mit der Vergabe der Stipendien einen Teil seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, sagt Annekathrin Hopf. Die Personalreferentin und Ausbildungsverantwortliche betont, dass die Möglichkeit für Unternehmen, Studierende unterstützen zu können, von Spitzke ausdrücklich begrüßt wurde. Pro Jahr werde ein Studierender an der BTU in Cottbus mitfinanziert. "Die ausgewählten Nachwuchskräfte profitieren nicht nur von den finanziellen Zuwendungen, sondern vor allem vom studienbegleitenden Mentoring in unserem Unternehmen."

An der BTU ist die Spitzke SE kein Unbekannter - insbesondere am Lehrstuhl Eisenbahnverkehrswesen. "Schließlich können wir selbst als Unternehmen an der Expertise der Studierenden partizipieren", erklärt Annekathrin Hopf.

Zum Thema:
Neben dem Deutschlandstipendium gibt es Hunderte weitere Möglichkeiten, Unterstützung im Studium zu erhalten. Eine echte Hilfe bei der Stipendiensuche ist die Datenbank des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Auf der Internetseite stipendienlotse.de können Schüler, Studierende und Promovierende nach Förderprogrammen suchen. Informationen zu mehr als 1200 Stipendienprogrammen umfasst das Portal. Gesucht werden kann zum Beispiel nach Stipendien für bestimmte Fächer, an einer konkreten Hochschule oder nach der geförderten Leistung wie finanzieller oder ideeller Unterstützung. Wie gefragt solche Datenbanken sind, zeigen auch die monatlich rund 80 000 Nutzer der Suchmaschine myStipendium.de.