Am Samstagvormittag bekamen die 631 Volksvertreter elektronische Post von der Bundestagsverwaltung. Inhalt war eine "Amtliche Mitteilung" von Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU). Demnach gilt schon ab morgen in Berlin Anwesenheitspflicht für die Abgeordneten. Die Plenarsitzung des Bundestages ist für Mittwoch um 9 Uhr einberufen. Am Vorabend um 19 Uhr kommen die Fraktionen von Union, SPD und Grünen zu Beratungen zusammen. Und davor wiederum werden der Haushaltsausschuss sowie die Ausschüsse für Wirtschaft und Europa zusammentreten, um sich mit der Griechenland-Materie zu befassen.

Wo sich ihre "Schäfchen" gerade befinden, vermag keiner der Fraktionsoberen derzeit mit letzter Bestimmtheit zu sagen. Eine breite Teilnahme an den außerordentlichen Beratungen gilt jedoch als gesichert.

Am 17. Juli rappelvoll

Schon am 17. Juli, als der Bundestag über die Aufnahme für Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket abstimmte, war das Plenum rappelvoll. Dass die Abgeordneten innerhalb von fünf Wochen nun schon zum zweiten Mal ihren Sommerurlaub unterbrechen müssen, ist bislang einmalig in der Geschichte des Bundestages. Vor drei Jahren, am 19. Juli 2012, waren sie zusammentrommelt worden, um über Rettungsmaßnahmen für Spanien zu beraten. Am Ende gab es eine große Mehrheit für ein europäisches Hilfsprogramm zur Sanierung des spanischen Bankensektors. Auch jetzt herrscht kein Zweifel an einer deutlichen Zustimmung für neue Griechenland-Hilfen. Die spannende Frage bleibt allerdings, wie viele Abgeordnete aus der Union sich am Mittwoch verweigern werden, nachdem im vergangenen Monat bereits 65 von ihnen ausscherten und Fraktionschef Volker Kauder die Rebellen jüngst mit unverblümten Drohungen zu disziplinieren suchte.

Was eine Sondersitzung mitten in den Parlamentsferien kostet, mag nicht einmal der Bund der Steuerzahler beziffern. Dort hieß es nur: "Sicher kostet das, aber es gehört zum demokratischen Betrieb dazu". Verlässliche Zahlen sind ohnehin schwierig zu ermitteln. Bahnfahrten innerhalb Deutschlands zum Beispiel schlagen nicht zusätzlich zu Buche, denn der Bundestag bezahlt jedem Abgeordneten eine Jahreskarte.

Bundestag bezahlt den Rückflug

Wer indes zum Beispiel gerade in Florida urlaubt, dem erstattet die Reisekostenstelle des Parlaments die Rechnung für den Flug. So ist es im Abgeordnetengesetz geregelt. Bezahlt werden die Auslagen aus dem Haushaltstopf für Mandatsreisen, der in diesem Jahr mit 7,45 Millionen Euro gefüllt ist. Wer unentschuldigt fehlt, bekommt derweil 200 Euro von seiner Kostenpauschale für den laufenden Bürobetrieb abgezogen.

Auch Angela Merkel muss übrigens wegen der Griechenland-Rettung umdisponieren. Nicht, dass die Kanzlerin in der Ferne weilen würde. Schon seit der vergangenen Woche sitzt die Regierungschefin wieder an ihrem Berliner Schreibtisch. Aber wegen der anstehenden Fraktionssitzung wird eine ursprünglich für Dienstag geplante Dienstreise nach Mailand auf den heutigen Montag vorgezogen. Am Mittwoch will die CDU-Politikerin gemeinsam mit weiteren Kabinettsmitgliedern zu einem Staatsbesuch nach Brasilien aufbrechen. Wegen der Abstimmung im Bundestag wird ihr Flieger nun erst ein paar Stunden später abheben.

Zum Thema:
"Schwimmen Sie nicht zu weit raus", riet Bundestagspräsident Norbert Lammert den Abgeordneten vor drei Jahren bei der Verabschiedung in die Sommerpause. Wegen der Euro-Krise wurde eine Sondersitzung erwartet. So kam es dann auch.Seit 1949 wurde das Parlament rund 50-mal zu Sondersitzungen einberufen. So wurden die Parlamentarier zum Beispiel im August 1961 nach dem Berliner Mauerbau aus den Ferien geholt. In jüngerer Zeit ging es um die Hochwasserkatastrophe 2013 oder Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak (2014).Artikel 39 des Grundgesetzes legt fest, dass ein Drittel der Abgeordneten, Bundespräsident oder Bundeskanzler Sondersitzungen verlangen können. Wegen der sehr großen Mehrheit von Union und SPD in dieser Legislaturperiode beschloss der Bundestag , dass bereits 120 Stimmen - also etwa 20 Prozent - für die Einberufung einer Sondersitzung ausreichen.