Sebastian Edathy dürfte es egal sein, wer seine 5000 Euro bekommt. Für den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten ist nur entscheidend, dass es jemand bekommt. Denn erst wenn er die Geldauflage überwiesen hat, gilt sein Kinderporno-Prozess offiziell als beendet. Wider Erwarten und entgegen der sonst üblichen Praxis war die Suche nach einem Empfänger aber nicht so einfach. "Pecunia non olet" (Geld stinkt nicht), soll der römische Kaiser Vespasian einst festgestellt haben. Gilt das auch für Edathy? Oder stinkt dessen Geld doch?

Acht Tage dauert es, bis das Landgericht Verden mit dem Jugend- und Kinderfeuerwehrverband in Niedersachsen (NJF) eine gemeinnützige Organisation als Empfänger des Edathy-Geldes findet, die es auch haben will. Der Suche vorausgegangen war ein überaus seltenes Phänomen: Der im Gerichtssaal am 2. März von Richter Jürgen Seifert verkündete Empfänger, der Kinderschutzbund Niedersachsen, lehnte die Annahme ab. Ein ungewöhnlicher Schritt, denn die Annahme von Prozessgeldern - auch von Verfahren, in denen es um Kindesmissbrauch geht - ist eigentlich absolut üblich.

Tagtäglich wird so an deutschen Gerichten verfahren. Allein in Niedersachsen wechselten 2013 auf diese Weise knapp sechs Millionen Euro den Besitzer. Laut Bundesjustizministerium werden pro Jahr in Deutschland mehr als 240 000 Verfahren nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung eingestellt. "Aus Sicht der Bundesregierung hat sich das System der Zuweisung von Geldauflagen in Strafverfahren im Grundsatz bewährt", heißt es aus Berlin. Der Fall Edathy ist also nicht ungewöhnlich.

"Ich würde das mit einer einmaligen Überweisung regeln", sagte Edathy vor Gericht zu den Zahlungsmodalitäten. Eine Ratenzahlung will er nicht. Dadurch würde die Einstellung des Verfahrens aus Sicht Edathys nur unnötig in die Länge gezogen - unangenehme Schlagzeilen inklusive.

Doch Edathy hat die Rechnung ohne den Kinderschutzbund gemacht. Mit der nachträglichen Ablehnung des Geldes und dem Hinweis, die Annahme wäre ein "fatales Signal" für einen Freikauf Edathys von dessen Vergehen gegen Kinder, befeuert der Kinderschutzbund die bundesweit große Empörung nach der Gerichtsentscheidung. In Medien, sozialen Netzwerken - ja selbst auf Lastwagenanhängern auf der Autobahn - fordern selbst ernannte Experten aus Politik und Gesellschaft eine Fortsetzung des Prozesses. In ihrem Tenor sind sich alle Kritiker einig: Edathys fehlende Reue darf nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Die Entscheidung des Feuerwehrverbandes, das Geld anzunehmen, ist deshalb durchaus mutig. Immerhin müssen die Verantwortlichen damit rechnen, sich den Zorn des Volkes zuzuziehen. Bedenken hatten diese aber nicht. "Nein, denn es ist nicht unsere Aufgabe, gerichtliche Entscheidungen infrage zu stellen", sagt Landes-Jugendfeuerwehrwartin Anke Fahrenholz. "Außerdem bekommen wir bereits seit Jahrzehnten Gelder aus Gerichtsverfahren. Jetzt im Fall Edathy kein Geld anzunehmen, das wäre doch eine Doppelmoral."

Das Geld soll für Präventionsarbeit in Sachen Kindeswohlgefährdung genutzt werden. Der Verband will so seinen "Schutzauftrag gegen einen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen konsequent erfüllen".

"Das ist die souveräne Entscheidung, die wir respektieren", sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Die Frage, ob Edathy sich nun doch habe "freikaufen" können, will er nicht beantworten. "Das muss jeder für sich selbst entscheiden." Letztlich gehe es nicht darum, ob Geld aus Prozessen im Allgemeinen oder im Speziellen bei Edathy stinke. Im Sinne des Täter-Opfer-Ausgleichs sei es wichtig und richtig, dass Hilfsorganisationen auch Geld aus Strafprozessen annehmen dürften, betonte Hilgers. Schließlich würden damit Beratungsangebote finanziert, die Opfern zugutekämen.

Für Hilgers steht im Fall-Edathy aber weiterhin fest, dass dieser durch sein Verhalten vor, während und nach dem Prozess die Gefühle der Opfer verletzt habe. Auch mit dem Versuch, sein im Gerichtssaal abgegebenes Geständnis später zu relativieren, habe er die Kinder verhöhnt. "Deshalb können wir das Geld nicht annehmen", sagt Hilgers. Die überregionale Debatte über die Ablehnung der 5000 Euro hat sich für den Kinderschutzbund übrigens nicht nur medial, sondern auch finanziell ausgezahlt: Mehr als 66 000 Euro an Spenden gingen seitdem beim Landesverband ein.