Wer den Sauerländer kennt, weiß, dass es in ihm angesichts des erzwungenen Abgangs nach der Bundestagswahl und der dann aufs Auge gedrückten Rolle des Vize gebrodelt und gekocht hat. Nicht nur, weil ihm das Amt des Fraktionsvorsitzenden immer am (Karriere-)Herzen lag, sondern auch, weil er sich stets für die bessere Besetzung hielt.
"Vielleicht wollte er sich vor Weihnachten noch einmal ins Gespräch bringen", stochert man bei der Union kräftig im Nebel mit Blick auf die Frage, was den oppositionellen Gegenspieler von Superminister Wolfgang Clement und Finanzminister Hans Eichel (beide SPD) bewegt haben könnte, die Personaldebatte innerhalb seiner Partei wieder anzuheizen. Zu einem Zeitpunkt, wo die Union in den Umfragen mehr als gut dasteht, wo sie von den Fehlern der rot-grünen Bundesregierung überaus profitiert und einen Sieg bei den Landtagswahlen im Februar in Hessen und Niedersachsen fest im Visier hat. Wenn heute in Berlin der CDU-Vorstand zusammenkommt, dürfte es jedenfalls lautstark und munter hergehen.
Denn das, was Merz Merkel in aller Öffentlichkeit vorwirft, hat nicht nur etwas damit zu tun, reinen Tisch machen zu wollen. Es könnte auch als Kampfansage gegen die bislang zu den Vorwürfen schweigende CDU-Vorsitzende verstanden werden. Sie nämlich bringt der nach wie vor in der Fraktion beliebte Merz vehement in Zugzwang: "Wir hatten im Mai die Verabredung getroffen, dass wir nach der Wahl gemeinsam einen Vorschlag machen, wie die Fraktion in Zukunft geführt werden soll. Ich habe dieser Verabredung nie ein übermäßiges Gewicht beigemessen", teilt er in einem Interview nachträglich aus. "Weil ich Frau Merkel in solchen Situationen mittlerweile kenne", wirft Merz seiner Nachfolgerin indirekt Wortbruch und Unzuverlässigkeit vor. Frühzeitig habe die Parteichefin nämlich vor der Wahl seine Ablösung eingestielt. Auf Merkels Reaktion im Vorstand heute und dann vor der Presse darf man angesichts der harschen Attacken also gespannt sein. "Letztlich schadet er sich selbst", heißt es bereits in der Union. Auch wenn der Fraktionsvorsitzende von einst bei vielen Christdemokraten auf grundsätzliches Verständnis trifft. "Er war ein sehr guter Fraktionschef", sagt Brandenburgs CDU-Chef Jörg Schönbohm genauso wie Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Zeitpunkt und Art der Diskussion seien aber "unglücklich".
Merz‘ Abrechnung ist im Grunde der Höhepunkt einer Serie von offenen und versteckten Hakeleien mit Merkel. Im Zuge der CDU-Spendenaffäre im Jahr 2000 stieg der Finanzexperte genauso wie die Ostdeutsche zur Führungsfigur der Union auf. Aber der gleichzeitige Sprung in die Verantwortung schweißte beide nicht zusammen. Im Gegenteil. Während seiner zweijährigen Amtszeit positionierte er sich überdies auf dem konservativen Flügel der Fraktion, an die Debatte um die "Leitkultur" sei erinnert. Anders als die Vorsitzende, die der Partei stets ein moderneres und offeneres Profil verpassen wollte. Auf ihrem vermeintlichen Weg zur Kanzlerkandidatur 2006 drängte sie mit Hilfe von Stoiber Merz, der vor der Wahl bereits als Finanzminister gehandelt wurde, noch am Wahlabend aus dem Amt des Fraktionschefs. "Das hat er nie überwunden", hört man seitdem von CDU-Spitzen. Nun auch offiziell von Merz, weswegen der Union jetzt wohl turbulente Tage bevorstehen.