Die Tricks der Castor-Gegner sind ausgefeilt, der Protest zäh. Mit einem Kleintransporter schafft es Greenpeace am Montag kurz vor Schluss noch einmal, die Polizei zu überrumpeln und eine Route für den Atommüll-Konvoi versperren.

Vier auf den Gleisen an eine Betonpyramide angekettete Atomkraftgegner halten zuvor den Zug ganze 15 Stunden lang auf. Die Proteste gegen den Transport nach Gorleben – der letzte mit Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitung in La Hague – sind so groß wie im vergangenen Jahr. Und das, obwohl die schwarz-gelbe Bundesregierung die Abschaltung aller Atommeiler beschlossen hat – eine Kurswende, an die 2010 noch nicht zu denken war. Doch die Demonstranten im niedersächsischen Wendland – seit 30 Jahren geprägt vom Atom-Widerstand – beruhigt das nicht.

Sie wollen jetzt ein Aus für das Atommüll-Projekt im Salzstock Gorleben erreichen. Die Grube in rund 800 Metern Tiefe wird nach wie vor auf ihre Eignung als atomares Endlager untersucht. Knapp 1,6 Milliarden Euro wurden seit 1977 für die Eignungsprüfung des Salzstocks an der früheren DDR-Grenze ausgegeben.

Umweltschützer halten zudem die Strahlung des Atommülls für zu hoch. Die Grenzwerte in der oberirdischen Halle, dem Castor-Zwischenlager, werden aus ihrer Sicht bis zum Jahresende überschritten.

„Die Mobilisierung ist ungebrochen“, sagt Grünen-Chefin Claudia Roth. „Es ist notwendig, den Druck aufrechtzuerhalten, um wirklich einen Atomausstieg und eine Energiewende zu schaffen.“ Auch Greenpeace kritisiert, die Bundesregierung tue zu wenig für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Tausende Menschen im Wendland sehen das genauso. Sie campieren auf einer Straße vor dem Zwischenlager Gorleben. Eingepackt in warme Decken harren sie seit vielen Stunden dort aus. „Die Stärke des Protests hat gezeigt, dass das Thema Atomenergie noch lange nicht durch ist. Wir vertrauen nicht darauf, dass die noch laufenden Atomkraftwerke tatsächlich abgeschaltet werden“, erklärt die Sprecherin der Initiative X-tausendmal quer, Luise Neumann-Cosel.

Die Anti-Atom-Bewegung sieht in dem Castor-Transport die bittere Bestätigung dafür, dass sich die Politik bereits auf den Salzstock Gorleben als Atom-Endlager festgelegt hat.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat zwar mit den Bundesländern eine ergebnisoffene Suche auch nach alternativen Standorten vereinbart, doch daran glaubt im Wendland niemand.

Bei ihrem Protest setzen die Atomkraftgegner überwiegend auf kreative Ideen – es gibt auch rabiate Krawallmacher, doch die beschränken sich auf kleine Gruppen.

Für die langen Verzögerungen des Castor-Transports sorgen dann auch nicht die Steinewerfer im Wald, sondern erfindungsreiche Wendländer. Mit einer 600 Kilogramm schweren und komplizierten Beton- und Metall-Konstruktion stellen sie in Hitzacker die Polizei auf die Probe. An dem Klotz an den Schienen haben sich vier Atomkraftgegner festgekettet.

„Die Polizei (...) kann nicht in jedem Spezialgebiet ein Spitzenergebnis haben, wenn es um Technik geht. Wir bemühen uns, so gut wir können. Manchmal dauert's dann einen Augenblick“, meint der Lüneburger Polizeipräsident Friedrich Niehörster gelassen zu der Aktion. Die Linie der Einsatzkräfte: Deeskalation und behutsames Vorgehen – vor allem, um die festgeketteten Menschen nicht zu gefährden.

Kaum ist diese nervenaufreibende Aktion beendet, macht die Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der Schlussetappe des Castors mit einem Trick eine Straße dicht; ähnlich wie vor einem Jahr, als Atomkraftgegner mit einem präparierten Bierlaster die Einsatzkräfte überlisteten und diesen auf einer Kreuzung verankert hatten.

„Es ist die gleiche Grundidee wie beim Bierlaster, eine ähnliche Konstruktion“, sagt ein Greenpeace-Sprecher. Diesmal ist es ein blauer Kleintransporter: Im Kofferraum ein Mann (21) und eine Frau (25), angekettet und über einen Metallkasten mit dem Asphalt verankert. Wieder rücken Polizisten mit Presslufthammer und anderem schweren Gerät an. Wieder eine harte Geduldsprobe für die Einsatzkräfte, aber sie bleiben gelassen, solange es ohne Gewalt abgeht.