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Arzt werden ohne Super-Abitur?

Ein originalgetreu nachgebautes Kopfmodell zu Studienzwecken an der Medizinischen Hochschule Brandenburg.
Ein originalgetreu nachgebautes Kopfmodell zu Studienzwecken an der Medizinischen Hochschule Brandenburg. FOTO: dpa
Brandenburg/Havel/Witten/Herdecke. Das Bundesverfassungsgericht prüft das Auswahlverfahren fürs Medizinstudium. Aber es gibt auch heute schon Wege am Numerus Clausus vorbei. Klaus Peters

Wenn beim Notendurchschnitt des Abiturs keine Eins vor dem Komma steht, führt kaum ein Weg an einer langen Wartezeit auf einen Studienplatz für Medizin vorbei. Möglicherweise sorgt das Bundesverfassungsgericht jetzt für Änderungen im Verfahren. Aber es gibt auch bisher schon Wege am Numerus Clausus (NC) vorbei.

Bei zwei privaten medizinischen Fakultäten in Deutschland spielt die Abitur-Durchschnittsnote eine untergeordnete Rolle. Bei der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium müssen die Bewerber vielmehr ihre Motivation zum Arztberuf und ihre kommunikativen und sozialen Fähigkeiten beweisen.

Allerdings werde schon darauf geachtet, dass die Bewerber ausreichend Intelligenz und Durchhaltevermögen hätten, um ein anspruchsvolles Medizinstudium erfolgreich zu bewältigen, erklären Vertreter der Universität Witten/Herdecke und der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) übereinstimmend. Wichtig sei auch, in welchen Fächern das Abitur abgelegt wurde. So werde darauf geachtet, dass naturwissenschaftliche Fächer darunter waren.

"Der NC spielt eigentlich gar keine Rolle", sagt der Dekan der Medizinischen Hochschule Brandenburg, die vor drei Jahren gegründet wurde und hauptsächlich von kommunalen Kliniken getragen wird. Er habe bereits einen Studenten mit einem Abi-Schnitt von 3,5 gehabt, sagt Professor Edmund Neugebauer. "Junge Leute haben manchmal andere Interessen, und er hatte mit der Volleyball-Jugendnationalmannschaft trainiert", berichtet der Dekan. "Er hat ein super Studium hingelegt und war später einer meiner Doktoranden."

Neugebauer kommt von der privaten Universität Witten/Herdecke, die bereits seit 35 Jahren Mediziner ausbildet. Auch dort gibt es keinen NC für die Zulassung. "Eine Untergrenze beim Noten-Durchschnitt gibt es bei uns nicht", sagt Butzlaff. "Wir haben etliche Kandidaten, die keine guten Abi-Noten hatten, aber klar machen konnten, dass sie nicht nur intelligent und lernbereit sind, sondern auch eine Vorstellung davon haben, welche kommunikativen Fähigkeiten man für den Arztberuf braucht."

Ein wichtiges Kriterium dafür ist die praktische Vorerfahung. So haben viele Studenten in Witten und Brandenburg bereits eine Ausbildung in einem praktischen Beruf, etwa in der Pflege, als Rettungssanitäter oder Physiotherapeut. In Witten ist ein sechsmonatiges Pflegepraktikum vorgeschrieben. Dadurch sei die Abbrecherquote mit fünf Prozent sehr niedrig und 90 Prozent der Studenten gingen nach dem Abschluss in den Arztberuf, sagt Unipräsident Professor Martin Butzlaff. "Das sind an anderen Universitäten oft weniger, weil die Studenten trotz guter Leistungen feststellen, dass ihnen die tägliche Auseinandersetzung mit Patienten und deren Leiden gar nicht so liegt und sie lieber in die Wirtschaft oder Verwaltung gehen."

Auch im Vergleich mit den Leistungen der Studenten an staatlichen Universitäten sehen sich die beiden Hochschulen gut aufgestellt. "Es gibt jedes Semester einen Vergleichstest, auch weil die Studenten ab dem 5. Semester an eine andere Hochschule wechseln könnten", berichtet Neugebauer. "Da liegen wir stets mit in der Spitze."