Im Kinderhaus "Entdeckerland" in Mülheim kommen mehr als die Hälfte der Zwei- bis Sechsjährigen aus ärmeren Verhältnissen. Nach einer am Freitag veröffentlichen Studie der Bertelsmann-Stiftung hinken solche Kinder in ihrer Entwicklung den anderen schon in diesem frühen Stadium ihrer Entwicklung oft deutlich hinterher.

Romina Geißler kümmert sich im "Entdeckerland" täglich um ihre kleinen Schützlinge aus Hartz IV-Haushalten sowie aus finanziell bessergestellten Familien. Die Leiterin des Kinderhauses im Stadtteil Broich zweifelt die wissenschaftlichen Grundlagen der Studie nicht an. "Ich kann aber nicht bestätigen, dass die Defizite bei Kindern, deren Familien von staatlicher Grundsicherung leben, so viel größer sind als bei anderen", sagt sie.

Für den Unterschied zwischen den Studienergebnissen und ihren praktischen Erfahrungen hat sie eine Erklärung: "Es kommt wohl immer darauf an, was die Einrichtung vor Ort leisten kann." Ihre Kita habe zwar einen sozialen Brennpunkt im Einzugsgebiet. "Aber wir können viele Fördermöglichkeiten anbieten, etwa zum Musizieren sowie zur Ernährung und Bewegung."

"Uns ist es sehr wichtig, dass die Kinder in gemischten Gruppen betreut werden", sagt sie. Damit setzt Geißler eine Forderung der Studie bereits um. Deren Grundlage ist die Auswertung von fast 5000 Schuleingangsuntersuchungen in der Ruhrgebietsstadt über drei Jahre. Geißler hat zwar beobachtet, dass bei einigen Kindern mit ausländischem Hintergrund durchaus mehr Förderbedarf beim Deutschlernen besteht - "aber nicht in einem so hohen Prozentsatz wie in der Studie".

Die zeigt auf, in welchen Bereichen armutsgefährdete Kinder im Vergleich mit den finanziell bessergestellten Altersgenossen zurückfallen.

Bei der deutschen Sprache haben 40 Prozent der Kinder aus sozialschwachen Familien Defizite, bei Kindern aus wohlhabenderen Familien sind das nur 14 Prozent. Ähnlich sehen die Prozentzahlen in anderen Bereichen aus: Körperkoordination 24,5 zu 14,6, Umgang mit Zahlen 28 zu 12,4, Übergewicht 8,8 zu 3,7, Musizieren 12 zu 29, Mitgliedschaft im Sportverein 46 zu 77. Vor dem dritten Geburtstag gehen nur 31 Prozent der armutsgefährdeten Kinder in eine Kita, bei der anderen Gruppe sind es fast 48 Prozent.

Kita-Experte Oliver Kern aus Essen bezeichnet die Studie in Bezug auf die Kindertagesstätten als "sehr theoretisch". Nach seiner Einschätzung ist ein Betreuungsschlüssel von 1:5 nötig, um die Kleinen individuell fördern zu können. Dies gelte allerdings für alle Kitas. Denn auch in den Gruppen mit Kindern aus vermeintlich bessergestellten Familien gebe es Probleme, beispielsweise wegen Wohlstandsverwahrlosung oder eines hohen Leistungsdrucks aus dem Elternhaus. "Hier ist oft mehr emotionale Zuwendung gefragt."

Die soziale Mischung in der Kindergruppe sei enorm wichtig. Um keine "Gettoisierung" zu riskieren, müssten Kinder aus verschiedenen Schichten zusammen betreut werden. "Dann können alle voneinander lernen", sagt Kern. Aber wie könnten besser situierte Familien davon überzeugt werden, ihre Kinder in eine Einrichtung mitten in einer Obdachlosen-Siedlung zu geben? "Indem man sie von dem Konzept vor Ort überzeugt", sagt Kern, der eine solche Kita leitete - und auch Kinder aus Ärzte- oder Rechtsanwaltsfamilien in dem Haus betreute.

Zum Thema:
Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Linke) hat für dieses Jahr vor dem Internationalen Kindertag einen ersten Runden Tisch zur Bekämpfung der Kinderarmut angekündigt. Dabei sollen mit den verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren Lösungsstrategien und konkrete Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden, erklärte die Politikerin am Freitag. "Kinderarmut ist eines der bedrückendsten Probleme in unserer Gesellschaft. In Brandenburg ist jedes vierte Kind von Armut bedroht", fügte Golze hinzu. Jedes Kind habe aber das gleiche Recht auf Bildung, Teilhabe und ein gesundes Aufwachsen. Deshalb müsse die Bekämpfung der Kinderarmut oberste Priorität haben.