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| 01:06 Uhr

Armut nährt den Extremismus in Algerien

„Ich weiß nicht viel über Waffen, aber ich lerne schnell“, sagt Ali, der vor der irakischen Botschaft in Algier Schlange steht. Von Ralph Schulze

Rund 50 junge Burschen in seinem Alter warten täglich geduldig vor der diplomatischen Vertretung des gestürzten Saddam Hussein, bis sie das Ticket für ihre Märtyrerreise nach Bagdad in der Tasche haben. "Wir wollen die Ehre und die Würde der Moslems verteidigen", rufen Ali und seine Freunde, "wir wollen im Irak gegen die Feinde der Menschheit kämpfen". Die Feinde kommen für sie aus dem Westen, vor allem Amerikaner und Briten.

Aufrufe zum Heiligen Krieg
Die algerische Führung hat zwar inzwischen, nach Ende des Irak-Krieges und auf Druck ihrer amerikanischen Verbündeten, die Bewerbungen algerischer Kamikazekämpfer gestoppt. Doch die anti-westliche Stimmung im Volk ist heute explosiver denn je. Islamistische Prediger hämmern ihren Anhängern ins Gewissen, dass "der Heilige Krieg gegen die Ungläubigen" für Moslems nun zur religiösen Pflicht werde. Die Polizei geht hart gegen Demonstrationen vor, auf denen das Volk "Mörder, Mörder" skandiert - gegen die USA und gegen das Regime von Algeriens Präsident Abdelaziz Bouteflika, das von der Straße für Menschenrechtsverbrechen, Korruption und Unterdrückung verantwortlich gemacht wird.
"Frieden und Versöhnung" herrschen nur auf dem Papier und in den Berichten westlicher Diplomaten in Algerien. Spätestens seit dem spektakulären Geiseldrama der 32 europäischen Touristen, die offenbar von Terroristen der islamistischen GSPC entführt worden waren, rückte das arabische Pulverfass wieder ins Blickfeld. Die sozialen und politischen Spannungen in dem nordafrikanischen Land sind, wie übrigens auch im ähnlich brodelnden Nachbarland Marokko, heute größer denn je. Das von den algerischen Generälen kontrollierte und mit Wahlbetrug etablierte Regime Bouteflika steht mit dem Rücken an der Wand. Es hat das Volk gegen sich, aber Europa und die USA, die unter allen Umständen einen Gottesstaat an dieser wichtigen Mittelmeerflanke verhindern wollen, auf seiner Seite.
Doch die Rechnung des Westens wie Bouteflikas geht nicht auf: Die Armut des Volkes wächst. Und damit auch Verzweiflung, welche die Menschen in die Arme religiöser Eiferer treibt. 35 Prozent Arbeitslosigkeit, bei den Jüngeren noch viel mehr. Jeder Vierte lebt unter der Armutsgrenze, in Wohnungs- und Trinkwassernot. Und dass bei reichlich sprudelnden Erdgas- und Ölquellen, die 60 Prozent des Staatshaushaltes finanzieren und 95 Prozent der Exporteinnahmen darstellen. Hauptabnehmer ist das rohstoffarme Europa, was sich mit politischer Rücksichtnahme revanchiert. "Algerien ist eine Zeitbombe", warnen algerische Kommentatoren.
"Bei wirklich demokratischen Wahlen hätten die Islamisten heute wohl gute Chancen zu gewinnen", sagt ein Diplomat, der ob dieser unbequemen Wahrheit lieber nicht zitiert werden will. Doch einen Sieg der Gottesparteien würden die Militärs, die in der Wirtschaft wie in der Politik ihre Interessen eifersüchtig hüten, ohnehin verhindern. So wie Anfang 1992, als sich in den ersten und letzten freien Wahlen ein hoher Sieg der "Islamistischen Heilsfront" (FIS) abzeichnete. Da brachen die Generäle den Wahlgang ab, kerkerten die FIS-Führer ein und ließen tausende Islamisten in geheimen Lagern in der südalgerischen Wüste verschwinden. Und der Westen ließ wohlwollend das Regime gewähren.
Der Bürgerkrieg, der sich dann zwischen bewaffneten islamischen Gruppen und der algerischen Armee hochschaukelte, hat bis heute offiziell mehr als 100 000 Tote und inoffiziell rund 200 000 Opfer auf dem Schlachtfeld gelassen. Ein schmutziger Krieg, wo das meiste Blut in Massakern, Attentaten und Hinterhalten floss. Die bewaffneten Islamisten, deren berüchtigster Protagonist heute die "Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf" (GSPC) ist, werden von den Sicherheitskräften ohne Rücksicht auf Menschenrechte "ausgerottet", wie es in der Armeesprache ganz offiziell heißt. Und die GSPC, die angesichts des Heeres frustrierter junger Algerier keine Nachwuchssorgen kennt, nutzt jede Möglichkeit, um den Staat und seine Repräsentanten mit Gewalt und Terror zu schwächen.
"Revolte oder Revolution?", fragte die Zeitung "Liberte", als in der nordost-algerischen Berberregion Millionen Menschen für Freiheit, gegen die Diktatur und bessere Lebensbedingungen protestierten. Dutzende Tote gab es, als die Polizei in die wütende Menge schoss. Ein Aufstand, der sich vorübergehend über das ganze Land verbreitete und sich angesichts der explosiven Lage wiederholen kann. Keiner weiß, wo die Reise dieses geschundenen nordafrikanischen Landes enden könnte, dessen Zukunft vor allem an zwei Dingen hängt: wirtschaftlichen Reformen und demokratischen Fortschritten. Beidem stehen die Generäle, die dann um ihre Pfründe fürchten müssten, im Weg.