Als Haitis Präsident Jean Bertrand Aristide 1994 nach dreijährigem Exil in die Heimat zurückkehrte, versprach er, sein Volk aus einem "unmenschlichen Elend" in eine "Armut mit Würde" zu führen. In den zehn Jahren, die seither verstrichen sind, ist Haiti im Vergleich zu anderen Ländern aber weiter verelendet. Aristide, ein früherer Armenpriester, hingegen hat es inzwischen zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Doch nachdem ihm das Ausland die Unterstützung entzogen hat, dürften seine Tage in seiner Villa in Tabarre am Stadtrand von Port-au-Prince gezählt sein.
Nachdem sich die USA und Frankreich von Aristide distanziert haben, sieht sich die Opposition in Port-au-Prince in ihren Vorbehalten gegen das einstige Idol der Massen bestätigt. Sie hatte immer darauf beharrt, dass Aristide in seiner zweiten Amtszeit, anders als in der ersten, nicht demokratisch legitimiert war. Denn schon im Wahljahr 2000 herrschte in Haiti ein Klima der Gewalt und Einschüchterung.

Blind für die Realität
Vom Straßenterror der "Volksorganisationen" Aristides bedroht, entschlossen sich die Oppositionsparteien, die Präsidentenwahl zu boykottieren. Die internationale Gemeinschaft betrachtete Aristide aber als gewählten Präsidenten.
Wenn Aristide in diesen Tagen aus den Fenstern des für ein Land wie Haiti überdimensionierten Präsidentenpalastes von Port-au-Prince schaut, dann sieht er dort immer noch seine Anhänger aus den Armenvierteln für ihn demonstrieren. Möglicherweise verstellen sie ihm aber den Blick auf den Rest des Landes, über das der Staatschef kaum noch Kontrolle ausübt. Als am vorigen Sonntag die Stadt Cap Haitien in die Hände von Rebellen fiel und die Bevölkerung dort den Eroberern zujubelte, "dankte" Aristide dem Volk von Cap Haitien, die Stadt "verteidigt" zu haben.

Mann mit zwei Gesichtern
Für Haitis Opposition war der vorige Woche ausgearbeitete internationale Friedensplan trotz des diplomatischen Drucks der USA nicht annehmbar. Denn er sah einen Verbleib Aristides im Amt vor. Oppositionelle wie der frühere Bürgermeister von Port-au-Prince, Evans Paul, versuchten, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass Aristide zwei Gesichter hat: Gegenüber dem Ausland gibt er den kultivierten Staatsmann, doch viele seiner Bürger erleben ihn als finsteren Tyrannen.
Seine beiden Töchter ließ Aristide sicherheitshalber schon einmal ins Ausland bringen. Ob er selber Angst um sein Leben hat, lässt er nicht erkennen. Immerhin wurde in Haiti 1915, am Vorabend einer US-Intervention, schon einmal ein Präsident von einer Volksmenge gelyncht. Evans Paul schwebt für Haiti aber eine Lösung nach Art des Diktators Jean Claude Duvalier vor, der 1986 unversehrt ins Exil ausfliegen konnte. Anstatt dass die internationale Gemeinschaft mehrere tausend Mann zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Haiti entsende, genüge es, wenn sie einen einzigen mitnehme, sagte Paul.