Michael Strobel vom Landesamt für Archäologie spricht von einer "spannenden Denkmälergruppe" aus einer Epoche, über die sonst nicht viel bekannt ist. Höchstwahrscheinlich wagten sich die Menschen im 4. Jahrtausend vor Christus erstmals Richtung Ostsachsen vor. Ein Beleg dafür ist die Anlage in Mehltheuer, die das Landesamt in diesem Sommer ausgräbt.

Strobels Team arbeitet sich gemeinsam mit Studenten vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte in die Tiefen eines Rapsfeldes vor, auf dem einst ein rundes Bollwerk aus Palisaden bestand. Erste Hinweise darauf kamen bereits Anfang der 90er-Jahre per Luftbildarchäologie. Auf den Aufnahmen erkannten die Experten Reste einer runden Grabenanlage.

Beim Buddeln in den vergangenen Wochen ergab sich zudem: Die Jungsteinzeitler bauten nicht nur groß und möglichst sicher, sondern auch schön. "Wir haben eine Art Tor gefunden", sagt Strobel. "Und das Spannende daran ist, dass es gewissermaßen architektonisch gestaltet war."

Das Palisadentor von Mehl-theuer hatte einen opulenten Vorbau. Eine Art Schleuse, an der kontrolliert werden konnte, wer rein kommt. Was aber drinnen los war, ist noch großes Geheimnis. Spuren auf Luftbildaufnahmen zeigen Hinweise auf Gruben für Müll oder Vorräte. Das ist bislang alles, was gefunden wurde. Wenn Archäologen nicht wissen, was an einem Fundort abging, sprechen sie gern von "sozialen und rituellen Mittelpunkten". Wahrscheinlich handelt es sich um zentrale Orte, in denen sich Bauern und Hirten zu saisonalen Aktivitäten wie Festen und Märkten trafen.

Das Leben im 4. Jahrtausend war ein unstetes. Die Menschen waren wohl um die 1,60 Meter groß und konnten bis zu 35 Jahren alt werden. Sie tranken gern aus den trichterförmigen Bechern, die ihnen den Namen "Trichterbecherkultur" einbrachten. Die Trichterbecherleute lebten von etwa 4200 bis 2800 vor Christus in dem Gebiet zwischen Holland und Tschechien. Sie als frühe Europäer zu bezeichnen, wäre wohl etwas kühn, meint Archäologe Strobel. Trotzdem finden sich quasi in ganz Europa die typische Keramik und ebensolche Grabenbauten wie hier, an der B6.

Damals brannte man stellenweise Wald nieder, legte auf diesen Flächen Felder an. Dort wuchsen Emmer und Einkorn, dazwischen wurden Siedlungen gebaut, von denen sich meist nichts mehr erhalten hat. Wenn die Felder nichts mehr hergaben, zogen die Menschen weiter und bauten neu. Der Bau einer befestigten Siedlung wie die auf dem Mehltheuer-Hügel war sicherlich ein großes Gemeinschaftsprojekt, sie wird aber nicht lange bewohnt gewesen sein, vermutet Strobel.

Sieben solcher Anlagen haben die Archäologen in der Nähe gefunden. Eine solche Dichte aus dieser Zeit, so weit im Osten, das ist eine Entdeckung. "Wir fassen damit zum ersten Mal eine Kolonisierung dieser Region", sagt Strobel. Denn zuvor lebten die Jungsteinzeitler 2000 Jahre lang hauptsächlich auf den Lößböden zwischen Leipzig, Zwickau und Meißen.

Mehltheuer weist indes früheste Landwirtschaft auf einer "schönen Moränenplatte" nach, wie Michael Strobel sagt. Die Archäologen wollen zunächst den Erhaltungszustand der Anlage prüfen und Hinweise auf die Datierung gewinnen. Proben aus der Nähe weisen auf Besiedlung zwischen 3700 und 3400 vor Christus hin.