Mäßige Löhne? Das war einmal - die Arbeitskosten in Deutschland legen zwar stärker zu als im Durchschnitt der 28 EU-Staaten. Allerdings rangiert die Republik damit immer noch im westeuropäischen Mittelfeld. Das geht aus einer Untersuchung des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hervor, die am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland (54 Prozent) können nach Erkenntnissen der Gewerkschaften in diesen Tagen frohlocken: Sie bekommen Weihnachtsgeld. Dabei reicht die Spanne von einem vollen Monatsgehalt bis zu einer eher symbolischen Extra-Zahlung.

Was die Beschäftigten freut, schlägt sich freilich in den betrieblichen Arbeitskosten nieder. Dazu zählen Sozialversicherungsbeiträge, Aufwendungen im Krankheitsfall, aber überwiegend die Löhne. Und die sind schon seit einiger Zeit kräftig im Aufwind.

Laut IMK legten sie im ersten Halbjahr 2015 mit drei Prozent "deutlich stärker als zuvor" zu. Im Schnitt der gesamten EU waren es nur 2,2 Prozent mehr und im Euro-Raum lediglich 1,7 Prozent.

Aus Sicht der gewerkschaftsnahen Ökonomen gibt es hier allerdings auch großen Nachholbedarf. Galt Deutschland doch lange Zeit als Musterland für eine immer wettbewerbsstärkere Wirtschaft, wobei jedoch die Löhne zunehmend hinter der Produktivität hinterherhinkten. Nun zeichnet sich ein Trendwandel ab. "Wir gewinnen nicht mehr an Wettbewerbsfähigkeit wie vor der Finanzkrise. Wir halten unser Niveau", erklärte Heike Joebges von der Berliner Hochschule Technik und Wirtschaft, die zu den Mitautoren der IMK-Untersuchung gehört.

Ein Teil der Erklärung dürfte der seit Jahresbeginn geltende Mindestlohn von 8,50 Euro sein. Von dieser gesetzlichen Vorgabe haben insbesondere Beschäftigte im Dienstleistungsbereich profitiert. Und Arbeitnehmer in Ostdeutschland. "Die Tariflöhne lagen dort zum Teil deutlich unter 8,50 Euro", so IMK-Chef Gustav Horn.

Im europäischen Vergleich ist aber immer noch viel Luft nach oben. So haben sich die Arbeitskosten für die privaten Unternehmen im vergangenen Jahr auf 31,90 Euro pro Arbeitsstunde summiert. Damit belegt Deutschland aber nur den achten Platz in der EU. Spitzenreiter ist Dänemark mit 42,10 Euro, gefolgt von Belgien und Schweden mit 41,10 Euro beziehungsweise 40,10 Euro. Die Schlusslichter bilden Rumänien und Bulgarien mit Arbeitskosten von 4,80 Euro beziehungsweise 3,80 Euro.

Auffällig dabei: In vielen osteuropäischen Ländern liegen die Arbeitskosten im Dienstleistungssektor deutlich höher als in der Industrie. In Deutschland ist es genau umgekehrt - im verarbeitenden Gewerbe betrugen sie im vergangenen Jahr 37 Euro pro Stunde, was deutlich über dem Schnitt des Euro-Raums von 31 Euro lag. Dagegen waren es im privaten Dienstleistungssektor nur 29,10 Euro - der Schnitt im Euro-Raum lag bei 27,90 Euro und damit nur eher geringfügig niedriger.

Das Lohngefälle zwischen Industrie und Berufen im Dienstleistungssektor spiegelt sich übrigens auch in der aktuellen Verteilung beim Weihnachtsgeld wider. Während etwa in der Chemie- und Druckindustrie beinahe ein volles Monatseinkommen fällig wird, gehen zum Beispiel Gebäudereiniger komplett leer aus.