„Die Stadt ist nicht in der Lage, eine Stelle zu bezahlen.“
 Elke Wendler,
Vize-Bauamtsleiterin in Eggesin


In der Stadt mit einmal mehr 20 000 Soldaten sind von knapp 10 000 Einwohnern nur 5500 geblieben. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15 Prozent, mit Ein-Euro-Jobbern bei 20 Prozent, berichtet die amtierende Bürgermeisterin Regina Papke. Vor allem junge Leute gehen weg, denn Arbeits- und Ausbildungsplätze sind nach 1990 kaum entstanden. Aus dem Hotel wurde ein Pflegeheim. Wo einst Reisebusse auf dem Weg nach Polen Halt machten, leben heute 80 alte Menschen. Andere Anbieter setzen auf betreutes Wohnen für Alte.
Um der Überalterung entgegenzuwirken, wurde die Gegend am Stettiner Haff als eine Modellregion des Bundesbauministeriums im Projekt „Region schafft Zukunft“ ausgewählt. In den Regionen – die zweite ist der Südharz/Kyffhäuser in Sachsen-Anhalt und Thüringen – sollen Projekte gegen den Bevölkerungsschwund gefördert werden. Vier Millionen Euro stehen zur Verfügung. In Vorpommern werden mehr als 20 Projekte unterstützt, die Arbeitsmarkt, Ausbildung, Verkehr, Daseinsvorsorge und Kultur betreffen. Das meiste Geld fließt mit 550 000 Euro für ein generationenübergreifendes Gemeinschaftshaus mit „Zeitbank“ nach Eggesin. Anfang 2009 soll das behindertengerechte Haus mit Mehrzwecksaal und Arbeitsräumen fertig sein.

„Zeitbanken lassen die Nachbarschaftshilfe wiederaufleben“ , erläutert die für das Projekt zuständige Vize-Bauamtsleiterin Elke Wendler. Man bietet eine Dienstleistung an, etwa Rasenmähen bei der älteren Nachbarin. Dafür gibt es Punkte, für die man selbst Leistungen erhalten kann, etwa bei der Kinderbetreuung. Das Vorhaben müsste gelingen in einer Gegend, in der viele Menschen, ob Arbeitslose oder Rentner, viel Zeit, aber kaum Geld haben. An der einstigen Volksschule erinnert eine Tafel an den in Eggesin geborenen Opernregisseur Adolf Dresen (1935-2001), Vater des Filmregisseurs Andreas Dresen ( „Wolke 9“ , „Sommer vorm Balkon“ ). Die Schule ist heute Seniorenclub, alte Damen essen dort zu Mittag. Sie haben von der geplanten Zeitbank gehört, bleiben aber skeptisch.

Edith Scheuber und Elsbeth Schmidt, beide über 70, können sich nicht vorstellen, sich zu beteiligen. Und: Würde das nicht kleinen Handwerkern das Wasser abgraben? Gerade mit Hausmeisterdiensten hätten sich einige selbstständig gemacht. Sogar eine Unterschriftenaktion gegen die Zeitbank gab es schon.

Die Zeitbank lässt auch bei Verantwortlichen noch Fragen offen, gibt Papke zu. Das Modellprojekt läuft Mitte 2009 aus. Dann steht die Zeitbank erst am Anfang. Unklar ist, ob sie ehrenamtlich betrieben oder eine Koordinatorenstelle geschaffen werden soll. „Die Stadt ist nicht in der Lage, eine Stelle zu bezahlen“ , sagt Wendler. Auch der Projektassistent des Bundesministeriums an der Hochschule Neubrandenburg, Johann Kaether, räumt ein, dass manches „noch nicht ganz geklärt“ ist. Über das Modellprojekt hinaus seien bisher weder Finanzierung noch fachliche Begleitung vorgesehen.

Eggesin wirkt gepflegt. Es grünt und blüht zwischen den völlig umgestalteten, teils auf drei Etagen reduzierten Plattenbauten. In den sanierten alten Forsthof zogen Amtsverwaltung, Polizei, eine Kulturwerkstatt. Vereine sind aktiv, eine Heimatstube entstand, ein Militärhistorisches und ein Kahnschiffermuseum. Ein weiß-getünchtes Fachwerkhaus fällt auf, das der Berliner Maler Heinrich Zille einst verewigte, als er in Eggesin seinen Sohn, einen Lehrer, besuchte. Und die Nachbarschaftshilfe, meinen die Senioren, läuft auch ohne Zeitbank schon ganz gut.
Das einzige, was fehlt, sind Arbeitsplätze.