Es mehren sich Stimmen für eine neue Strategie im Anti-Terror-Kampf, nachdem das fast rein auf militärischen und geheimdienstlichen Mitteln basierende Konzept der amerikanischen Regierung aus ihrer Sicht gescheitert ist. Selbst von Staatslenkern wie etwa in Saudi-Arabien wird festgestellt - und dies in einem Akt ungewöhnlicher Selbstkritik -, dass sie fundamentalistischen Predigern, die zum "Dschihad" aufrufen, vielleicht zu viele Freiheiten gelassen haben.

Deutlichere Verurteilung
Wenn der saudische König Fahd wenige Tage nach den Anschlägen auf drei Ausländer-Wohnblocks in Riad die für Schulbildung zuständigen Beamten warnt, "Defekte" in den Lehrinhalten könnten zu moralischer und intellektueller "Abweichung" führen, dann hat dies zwar auf den ersten Blick nichts mit Terrorismus zu tun. Die Saudis, die den Einfluss konservativer islamischer Kleriker auf ihr Schulsystem des Königreichs kennen, wissen aber, was der König meint: Die unterschwellige Anstachelung zu Hass und Gewalt gegen den "ungläubigen Westen".
"Die Fortsetzung von Angriffen gegen Zivilisten war einigen Menschen in der arabischen Welt sicher eine Lehre, die zum Beispiel dazu geführt hat, dass muslimische Scheichs diese Anschläge nun deutlicher als bisher verurteilen", schrieb die libanesische Tageszeitung "Daily Star" gestern. Die Hauptschuld für die neuen Anschläge sieht das Blatt jedoch nicht bei den Predigern, sondern bei der Regierung von US-Präsident George W. Bush, die auf eine falsche, "einseitige und militaristische Art und Weise" gegen den Terrorismus vorgeht. Der Schlüssel für eine wirksame Terrorbekämpfung sei es aber, die Terroristen ideologisch zu isolieren, sodass sie eines Tages Mühe haben werden, neue Gotteskrieger zu rekrutieren. Was der Krieg im Irak mit dem Kampf gegen den islamistischen Terror zu tun haben sollte, konnte in der arabischen Welt ohnehin niemand verstehen. Diesen von Bush hergestellten Zusammenhang hielt man zwischen Damaskus und Rabat für absurd.
Die arabischen Regierungen sind überzeugt, dass die israelischen Militäraktionen in den Palästinensergebieten und die amerikanisch-britische Besetzung des Irak lokalen Fundamentalisten und internationalen Terrororganisationen wie Al Qaida neue "Dschihadis" in den vergangenen Wochen geradezu in die Arme getrieben haben. Dies lässt sich nach Einschätzung des Extremismusforschers Dia Raschwan vom ägyptischen Ahram-Zentrum für strategische Studien auch an der hohen Zahl von Selbstmordattentätern ablesen, die an den Anschlägen von Riad und Casablanca beteiligt waren. Er glaubt allerdings, dass Al Qaida nur hinter den Anschlägen von Riad steckt, während es sich bei den Attentätern von Marokko um eine lokale Gruppe handelt, die höchstens lose Beziehungen zum Terrornetzwerk von Osama bin Laden unterhalte.
Seiner Ansicht nach ist auch die im Februar auf einem an- geblichen bin-Laden-Tonband erwähnte Liste von Ländern, die von den Muslimen "befreit" werden sollten, da ihre Regime "Sklaven Amerikas" seien, kein direkter Befehl für Anschläge in diesen Staaten. Dies sind Jordanien, Marokko, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien und Jemen. Dia Raschwan warnt deshalb davor, "alle Terroristen in einen Topf zu werfen". Zwar teilten alle islamistischen Terrorgruppen den Hass auf die USA und Israel und die Bereitschaft zur Gewalt gegen Zivilisten. Dies sei aber noch lange kein Beweis für eine straffe Organisationsstruktur. "Bin Laden ist ein geistiger Führer der Extremisten. Er hat nicht die gleichen militärischen Möglichkeiten und die gleiche Kommandostruktur wie US-General Tommy Franks."

Offizielle Verurteilung
Mit den Selbstmordattentaten der Palästinenser in Israel haben die Bombenanschläge in Marokko und Saudi-Arabien nach Meinung arabischer Beobachter nur eines gemeinsam: die Methode. So verurteilt die ägyptische Regierung zwar offiziell die Selbstmordanschläge in Israel, weil sie diese für kontraproduktiv hält, stellt jedoch nie das Recht der Palästinenser auf Widerstand gegen die israelische Besatzung infrage. So schreibt die regierungsamtliche Zeitung "Al-Ahram": "Die beiden Terrorakte (von Riad und Casablanca) folgen dem Muster des tapferen Widerstands in Palästina und in Beirut in den 80er-Jahren. Aber diesmal greifen sie die Stabilität der Araber und Muslime an und weder Saudi-Arabien noch Marokko sind Staaten unter Besatzung."