| 19:30 Uhr

Vorläufiges Berufsverbot
Anwaltsgericht stoppt Lausitzer Hartz-IV-Anwalt

Riesige Aktenberge hat der Lausitzer Rechtsanwalt produziert.
Riesige Aktenberge hat der Lausitzer Rechtsanwalt produziert. FOTO: M. Behnke
Cottbus. Seit 2011 machte Rechtsanwalt Thomas Lange aus Calau durch ein ungewöhnliches Geschäftsmodell auf sich aufmerksam. Das Sozialgericht Cottbus stockte wegen seiner Tätigkeit das Personal auf. Jetzt ist Lange mit einem vorläufigen Berufsverbot belegt. Von Simone Wendler

Es ist eine ungewöhnliche Entscheidung, die vor wenigen Tagen vom Anwaltsgericht in Brandenburg gegen einen Lausitzer Anwalt verhängt wurde. Nach dreitägiger Beweisaufnahme entschied das Gremium einstimmig, gegen den in Calau ansässigen Rechtsanwalt Thomas Lange mit sofortiger Wirkung ein vorläufiges Berufsverbot zu verhängen. Der Anwalt, der seit Jahren mit einem besonderen Geschäftsmodell auf sich aufmerksam machte, kann gegen die Entscheidung Rechtsmittel einlegen. Als übergeordnete Instanz entscheidet dann der Anwaltsgerichtshof über das Ende seiner Anwaltstätigkeit.

Über die Gründe für das vorläufige Berufsverbot für Lange äußern sich Anwaltsgericht und Anwaltskammer Brandenburg nur sehr allgemein. Der Jurist habe „in derart schwerem Umfang gegen Kernpflichten des anwaltlichen Berufsrechtes verstoßen, dass eine weitere Tätigkeit für die rechtsuchende Bevölkerung und für den Ruf der Anwaltschaft unzumutbar ist“, heißt es in einer Erklärung beider Gremien.

Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll es sich um Verstöße gegen Regeln wie diese gehandelt haben: Korrekte Auftragserteilung durch die Mandanten, sachgemäße Prüfung der Sachverhalte und Verfahrensführung im Interesse der Mandanten. In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Beschwerden gegen Lange bei der Anwaltskammer gegeben.

Nach Erhalt seiner Zulassung Ende 2010 hatte Thomas Lange in der Lausitz von sich Reden gemacht, weil er fast nur gegen Hartz-IV-Bescheide Beschwerden und Klagen einreichte. Wurden die Beschwerden nicht innerhalb vorgeschriebener Fristen bearbeitet, schob er Untätigkeitsklagen nach. In Gesprächen mit der RUNDSCHAU hatte er vor Jahren eingeräumt, von der Fehlerhaftigkeit aller Hartz-IV-Bescheide überzeugt zu sein. Deshalb ginge er gegen alle Bescheide seiner Mandanten juristisch vor, bei denen die Frist dafür noch nicht abgelaufen sei. Die Mandanten gingen dabei kein finanzielles Risiko ein, da sie Anspruch auf Prozesskostenhilfe hatten.

Das Ergebnis von Langes Geschäftsmodell waren Verfahrensberge, die das Jobcenter Oberspreewald-Lausitz und das Sozialgericht Cottbus zwangen, ihr Personal deutlich aufzustocken.2012 kam die Hälfte der am Sozialgericht Cottbus eingegangenen 9000 neuen Vorgänge aus seiner Kanzlei. In den folgenden Jahren ging die Zahl leicht zurück und pendelte sich bis heute bei etwa 4000 neuen Vorgängen jährlich ein. Etwa ein Drittel der derzeit fast 9000 unerledigten Akten beim Sozialgericht Cottbus betrifft Lange-Mandanten.

2015 war bekannt geworden, dass Lange das Einordnen eingescanter Belege in die elektronischen Akten seiner Mandanten nach Thailand ausgelagert hatte, nachdem er Ärger wegen Verstoßes gegen den Mindestlohn für Bürokräfte in der Lausitz bekam. In Thailand hält er sich laut eines aktuellen Eintrages auf seinem Facebookprofil zurzeit auch auf. Dort bezeichnet er das vorläufige Berufsverbot gegen ihn als „schwachsinnige Entscheidung“. Bis diese aufgehoben sei, mache er „dann mal blau“. Eine Vertreterin führt unter Aufsicht der Anwaltskammer derweil seine Kanzlei. Eine Anfrage der LR zu seinem vorläufigen Berufsverbot ließ der Anwalt bisher unbeantwortet.