Lothar de Maizière macht sich rar. Er sei verreist, heißt es in seinem Berliner Anwaltsbüro. Der erste frei gewählte und zugleich letzte DDR-Ministerpräsident wird heute 75 Jahre alt.

Der Mann, der die Ostdeutschen vor 25 Jahren in die Einheit führte, hat sich nicht zur Ruhe gesetzt. De Maizière arbeitet weiter als Anwalt. Sein Beruf mache ihm Freude. Und so lange das so sei, werde er nicht aufhören, ließ er ausrichten.

Eitel wirkte der Jurist, Kurzzeit-Politiker und Hobby-Musiker nie, dafür stets sachlich und gut informiert. "Ich war kein Politiker", erklärte de Maizière 2010, als er sein Erinnerungsbuch "Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen" vorlegte. Blitzartig landete das langjährige Mitglied der Ost-CDU nach dem Mauerfall in der Weltpolitik. Die Wahlen zur Volkskammer im März 1990 gewann überraschend die Allianz für Deutschland mit der Ost-CDU an der Spitze, de Maizière wurde DDR-Ministerpräsident.

Der Ostdeutsche verhandelte mit Michail Gorbatschow und erklärte dem sowjetischen Staatsmann, er komme nicht zum Befehlsempfang. Er trank mit der britischen Regierungschefin Margaret Thatcher Tee und war zu Besuch im Weißen Haus in Washington.

Nach der Volkskammerwahl vom März 1990 hatte de Maizière eine Große Koalition gebildet. Markus Meckel, der damals Außenminister wurde, sieht seinen früheren Chef bis heute kritisch. Sie hätten viel gestritten. De Maizière habe ständig auf seiner Weisungsbefugnis und Richtlinienkompetenz beharrt, erinnert sich der 62-jährige SPD-Mann. Die ersten Papiere für den Einigungsvertrag habe er durch Indiskretion aus dem Bonner Kanzleramt bekommen - und nicht von seinem CDU-Regierungspartner.

Der Aufstieg de Maizières setzte sich nach der Einheit zunächst fort. Beim ersten gesamtdeutschen CDU-Parteitag wurde er zum Stellvertreter von Parteichef Helmut Kohl gewählt, Kohl berief ihn als Bundesminister für besondere Aufgaben ins Kabinett. Doch dann wurden Stasi-Vorwürfe laut. De Maizière wies die Vorwürfe zurück, bat aber um seine Entlassung als Minister. Nach Querelen mit der Bundes-CDU legte er im Herbst 1991 schließlich alle Ämter und auch sein Bundestagsmandat nieder. Er habe den Ausstieg nie bereut, notierte der Anwalt in seinem Buch. "Im Gegenteil, dieser Schritt gab mir ein Gefühl von innerer Freiheit."

Sein ambivalentes Verhältnis zu Helmut Kohl beschrieb de Maizière so: Der habe sich angemaßt, für die DDR zu sprechen und ihn nicht einmal zu informieren. Eine Spitzeltätigkeit für die Stasi hat de Maizière stets bestritten. Er habe zwar als Anwalt mit der DDR-Staatssicherheit zu tun gehabt, um Ausreisen für inhaftierte Oppositionelle zu erreichen, schrieb er. "Inoffizieller Mitarbeiter war ich nie, auch wenn die Stasi mich möglicherweise unter dem Decknamen ,Czernie' geführt haben sollte."

De Maizière wandte sich auch gegen Versuche, aus seiner Freundschaft zu Gregor Gysi eine Spitzeltätigkeit abzuleiten. Beide waren in der DDR Anwalts-Kollegen. Gysi, heute Linksfraktions chef im Bundestag, ließ nun auf Anfrage mitteilen, sein früherer Kollege sei eine in jeder Hinsicht besondere Persönlichkeit. "Lothar de Maizière war und bleibt eigenständig, lässt sich nicht vereinnahmen und ist in Freundschaften treu." Zuletzt war de Maizière vorgeworfen worden, als Chef des "Petersburger Dialogs" auf deutscher Seite zu russlandfreundlich zu agieren. Er hatte dem Westen schon vor Monaten empfohlen, in der Ukraine-Krise auf Russland zuzugehen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist der Cousin des Ostdeutschen. Die Kontakte seien während der Teilung nie abgerissen. Lothar de Maizière schätzt bis heute den Zugewinn an Freiheit. Die Menschen seien aber nun auch frei, jede Dummheit zu sagen. In einem Interview der "Rheinischen Post" sagte de Maizière einmal: "Ich kriege die DDR nicht mehr aus dem Anzug geschüttelt, und das will ich auch nicht."