Kompliziert ist der Posten. Guterres' Erfolg bei internationalen Konflikten in Syrien, Nordkorea, der Ukraine oder zwischen Israelis und Palästinensern hängt zu großen Teilen von seiner Wahrnehmung, seiner Persönlichkeit, seinem Führungsstil ab. Bleibt er zurückhaltender Diplomat wie sein Vorgänger Ban Ki Moon, der viele Probleme an Sondervertreter abgab, oder hält er die Fäden lieber selbst in der Hand? Seit Guterres' Amtsantritt vor 100 Tagen zeigt sich: Er will auch ein General sein, nicht nur Sekretär.

Als Student verrichtete António Guterres einst Sozialarbeit in den Armenvierteln Lissabons. Der 67 Jahre alte frühere Ministerpräsident Portugals (1995-2002) ist seit jeher ein Humanist, aber auch ein Realist und ein "Macher". An der Spitze der Vereinten Nationen wolle er seine "ganze Erfahrung einsetzen", sagte der gelernte Ingenieur aus dem Lissaboner Vorort Santos-o-Velho bei seinem Amtsantritt am 1. Januar 2017.

Als UN-Flüchtlingskommissar musste Guterres zwischen 2005 und 2015 mit einer der schlimmsten Migrationskrisen fertig werden. Dabei stellte er häufig die Unfähigkeit der Europäischen Union unumwunden an den Pranger.

Der zweifache Familienvater, der neben Portugiesisch auch Englisch, Spanisch und Französisch spricht, will "machen", dabei aber keine Utopien versprechen. "Wenn man nicht an Größenwahn leidet, weiß man, dass man nicht versuchen kann, die Menschheit sozusagen zu retten. Ich will die Menschheit nicht retten, ich will aber all das machen, was in meiner Macht steht, um Verbesserungen zu erreichen."

Der UN-Generalsekretär ist laut Artikel 97 der Charta der Vereinten Nationen der "höchste Verwaltungsbeamte der Organisation". Auf Empfehlung des Sicherheitsrats wird er von der Vollversammlung ernannt, seine Amtszeit beträgt fünf Jahre. Der Generalsekretär ist quasi der Chef der UN, vertritt sie aber vor allem nach außen. Er reist um die Welt und trifft Staatschefs oder macht sich ein Bild von Konflikten. Einmal im Jahr sitzt er der Generaldebatte im UN-Hauptquartier in New York vor, zu der Dutzende Staats- und Regierungschefs anreisen. Seine Aufgabe ist die hohe Diplomatie, seine Macht ist stark eingeschränkt. So heißt es in Artikel 99 dazu: "Der Generalsekretär kann die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrats auf jede Angelegenheit lenken, die nach seinem Dafürhalten geeignet ist, die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit zu gefährden."