Die schleichende Immunität gegen Medikamente können neben Medizinern auch Patienten mit etwas Verantwortungsgefühl aufhalten. Durch gezieltes Fragen und ein offenes Gespräch mit dem Arzt lassen sich falsche Dosierungen und ungeeignete Therapien vermeiden.
"85 bis 90 Prozent aller antibiotischen Substanzen werden in der Arztpraxis verschrieben und nicht im Krankenhaus", sagt Professor Tobias Welte, Direktor der Abteilung für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Doch viele dieser Medikamente werden falsch eingenommen, sind völlig nutzlos und lassen unnötig das Risiko für Resistenzen steigen." So würden etwa 75 Prozent der Antibiotika bei Atemwegsinfekten verschrieben. "Doch die meisten Erkrankungen dieser Art werden von Viren ausgelöst. Gegen sie können Antibiotika nichts ausrichten", betont der Mediziner. Antibiotika seien nur als Therapie gegen Atemwegserkrankungen sinnvoll, die bakterielle Ursachen haben. Welte empfiehlt, den Arzt immer sehr detailliert über die Beschwerden im Körper zu informieren. Dabei sollte man sich nicht vorschnell unterbrechen lassen.
"Ganz wichtig ist es auch, dass der Patient von sich aus sagt, wenn er in den vergangenen drei Monaten bereits ein Antibiotikum eingenommen hat", erläutert Professor Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik für Infektiologie und Pneumologie an der Charite Berlin. Denn antibiotische Vortherapie berge das Risiko, dass bereits resistente Bakterien vorliegen - und Standardantibiotika nicht verschrieben werden sollten.
Verschreibt der Arzt nach einem offenen Gespräch ein Antibiotikum, sollte der Patient zur Sicherheit hinterfragen, ob dies nötig sei. "Ärzte sollten aber schon von sich aus diese Informationen geben. Das schafft Vertrauen", betont Suttorp.
Da Antibiotika häufig für Kinder verschrieben werden, tragen Eltern eine besondere Verantwortung. Sie sollten beim Besuch in der Kinderarztpraxis stets genaue Angaben über Höhe und Dauer von Fieber und allen weiteren Beschwerden des Nachwuchses machen können. Dies helfe bei der Diagnose. "Ein guter Arzt entwickelt ein Bauchgefühl, ob der Patient schwer krank ist und wirklich Antibiotika benötigt", sagt Suttorp. "Eltern sollten deshalb der klinischen Erfahrung des Mediziners trauen." Dazu gehöre allerdings auch, einen Arzt nicht zu drängen, bei leichten Symptomen ein starkes Medikament zu verschreiben.
Ein weiterer Risikoherd für Resistenzbildung ist die Unterdosierung des Wirkstoffs. So sollten sich Patienten, die an einer Bakterieninfektionen leiden, immer an die genaue Verordnung halten und das Präparat nicht eigenmächtig absetzen. Doch zu viel kann ebenso gefährlich sein wie zu wenig: "Bis auf wenige Spezialprobleme, beispielsweise Herzklappenentzündungen, macht eine Antibiotikatherapie über sieben Tagen hinaus keinen Sinn", betont Welte. Wird ein Präparat für einen längeren Zeitraum verschrieben, sei das ein weiterer Grund, das Gespräch mit dem Arzt zu suchen.
Große Hoffnung, die unnötige Verschreibung von Penicillin & Co zu verhindern, setzen viele Ärzte in verbesserte Diagnosemöglichkeiten. "Mithilfe eines neuen Labortests könnten künftig bakterielle und virale Infektionen schnell unterschieden werden", sagt Welte. Bei dieser PCT-Test genannten Untersuchung wird Blut auf das Hormon Procalcitonin untersucht, dass als Reaktion auf Bakterien im Körper vermehrt produziert wird. Allerdings sei dieser Nachweis so neu, dass er in vielen Arztpraxen noch unbekannt ist. "Wenn ein Arzt diesen Test nicht von selbst anbietet, macht es deshalb kaum Sinn, ihn einzufordern", sagt Welte.
Die Angst vor Resistenzen sollte allerdings nie so weit gehen, dass man bei schweren Krankheiten auf wichtige Medikamente verzichtet. "Antibiotika sind bei wirklichen Bakterieninfektionen etwas Gutes", unterstreicht Welte. "Durch einen verantwortungsvollen Umgang müssen wir diese Funktion bewahren, damit wir bei schweren Krankheiten nicht irgendwann ohne Behandlungsmöglichkeit dastehen."