Von Andreas Wendt

Als die schwarze Mercedes-Limousine mit Schwung vor dem „Haus Waldfrieden“, einem früheren Flüchtlings- und Seniorenheim in Bernau, vorfährt und ihr zwei Männer mit Maschinenpistolen entspringen, ist das der Anfang vom Ende einer groß angelegten Anti-Terror-Übung, wie sie Brandenburg noch nicht erlebt hat.

Die Terroristen stürmen in das vermeintliche Hotel, erschießen eine Geisel auf der Terrasse, verletzen kurz danach den Fahrer eines Funkstreifenwagens und verschanzen sich im Inneren des Gebäudes – bis zum Eintreffen des SEK, des Spezialeinsatzkommandos der Brandenburger Polizei, das mit dem „Survivor“, einem gepanzerten High-Tech-Wagen, anrollt, eine Scheibe sprengt und den Überraschungsmoment ausnutzt, um die Attentäter zu eliminieren und die Geiseln zu befreien. „Das Happy End ist ja wie in Hollywood“, sagt ein Anwohner, der mit seinem Nachbarn die Polizeiaktionen beobachtet.

Ob die Übung tatsächlich ein Happyend hat, wird Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke erst nach einigen Wochen sagen können. Denn der gesamte Einsatz ist von Schiedsrichtern beobachtet worden – an mehreren Orten. In einer ersten Zwischenbilanz zeigt sich Polizeipräsident Mörke zufrieden. „Der heutige Tag hat gezeigt, dass die Polizei in Brandenburg gut ausgebildet und ausgerüstet ist und wir für den Ernstfall, den wir uns alle nicht wünschen, gewappnet sind.“

Beim Anschlagsszenario hat sich Mörke an den Ereignissen in Paris orientiert, wo exakt auf den Tag genau vor drei Jahren islamistische Attentäter einen Anschlag auf ein Konzert verübten. Bei der Brandenburger Übung mit dem Namen „Act 2018“ (Aktion contra Terror 2018) waren an die 600 Beamte aus fast allen Bereichen der Polizei mit einer sechsköpfigen islamistischen Terrorszene konfrontiert, die einen Anschlag im Umland von Berlin plant.

Eine besondere Herausforderung, weil „in einem Flächenland wie Brandenburg normale Polizisten als Erste vor Ort sein werden“, weiß Mörke. Und so spielt die Terror-Abwehr auch größtenteils in der Provinz. In Linde (Oberhavel) nimmt das Spezialeinsatzkommando (SEK) am Montagabend zwei Tatverdächtige fest, nachdem das mobile Einsatzkommando (MEK) belegen kann, dass sie sich in einem Baumarkt Zubehörteile zum Bau einer Sprengvorrichtung besorgt hatten und sich konspirativ verhielten. Vernehmungen ergeben, dass sie mit vier weiteren Personen einen Anschlag auf ein Wasserwerk in Grüneberg planen.

„Wir haben zwar keinen konkreten Anlass für eine solche Übung, aber es besteht nach wie vor eine hohe abstrakte Gefahr in Brandenburg“, sagt Polizeipräsident Mörke und bedankt sich bei der Politik, durch die „Milliönchen geflossen“ sind, damit die Polizei quantitativ und qualitativ besser aufgestellt ist. Aus Sicht von Mörke genau der richtige Ansatz: „Wir können ja nicht zugucken, wie unsere Leute abgeschlachtet werden.“

Der Entwurf eines modifizierten Polizeigesetzes stärke Mörke und seinen Leuten den Rücken. Die Verurteilung eines Mitglieds einer terroristischen Vereinigung vor ein­einhalb Jahren, sagt der Polizeipräsident, sei auch deshalb zustande gekommen, weil andere Nachrichtendienste mehr Möglichkeiten hätten.

Bei der Übung „Act 2018“ jedenfalls ist Mörkes Personal auch beim Finale gefordert. Nach dem verhinderten Anschlag auf das Wasserwerk planen die Terroristen einen Anschlag auf die Bildungsstätte in Liebenberg und das fiktive Hotel in Bernau. „Die Kunst war es, Einsatzkräfte im Flächenland Brandenburg so präzise zu koordinieren, dass sie schnell und effektiv die Terroristen bekämpfen konnten“, bilanziert Polizeioberrätin Antje Hylla, die die Übung leitete. So realitätsnah wie möglich.

Sogar simulierte Anrufe besorgter Angehöriger zum Anschlag in der Polizeiinspektion Dahme-Spreewald in Königs Wusterhausen sind bei der Personenauskunftsstelle aufgelaufen – eine Klasse der Polizeiakademie Berlin und der Aufstiegslehrgang der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg hatten dies simuliert.

Am Ende sind die letzten beiden Terroristen ausgeschaltet – nicht mit scharfer Munition, sondern mit Farbklecksen, durch die auch Treffer registriert werden konnten. Innenstaatssekretärin Katrin Lange ist überzeugt, dass die Polizei in Brandenburg im Ernstfall einsatz- und handlungsfähig ist – durch die aufgestockte Zahl an Polizisten und die Ausrüstung wie Drohnen und neue Waffen.