Drei Wochen vor der Parlamentswahl in der Türkei hat der bislang schwerste Anschlag in der Geschichte des Landes mit mindestens 95 Toten und 246 Verletzten die politische Krise dort verschärft. In Ankara gedachten am Sonntag Tausende Menschen der Opfer des Doppelanschlags auf eine regierungskritische Friedensdemonstration am Vortag. In Sprechchören beschimpften sie Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als "Mörder".

In der Millionenmetropole Istanbul demonstrierten am Samstagabend mehrere Tausend Menschen gegen die Regierung. In Sprechchören wurde die PKK zu Vergeltungsaktionen aufgefordert. Auch in deutschen Städten gingen Tausende Kurden und Sympathisanten auf die Straße; viele machten Erdogan für die Tat verantwortlich. Die größte Kundgebung gab es in Stuttgart mit 5000 Teilnehmern; in Hamburg wurden 1500, in Berlin 1000 Demonstranten gezählt.

Der Anschlag von Ankara, der nach Regierungsangaben von zwei Selbstmordattentätern verübt worden sei, wurde international scharf verurteilt. US-Präsident Barack Obama sprach nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit Erdogan von einer heimtückischen Attacke und bekräftigte die Solidarität der Amerikaner mit der türkischen Bevölkerung im Kampf gegen Terrorismus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schrieb an Davutoglu, sollte sich bestätigen, dass es sich um Terroranschläge handele, "dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind".

Die türkische Regierung hat die EU unterdessen um eine Verschiebung der Gespräche über die Zusammenarbeit in der Flüchtlingskrise gebeten. EU-Vertreter sagten am Sonntag eine für den gleichen Tag geplante Reise in die Türkei ab. Politik & Meinung Seiten 7 & 8