Viel wollte Sebastian Gemkow am Tag nach der Tat nicht sagen. Nur so viel: "Der Rechtsstaat wird aber längeren Atem haben als diejenigen, die ihn bekämpfen." Der Anschlag auf den 37-jährigen Justizminister und seine Familie markiert eine neue Qualität in der langen Reihe von Angriffen auf sächsische Politiker. "Nun suchen Ex-tremisten Privatwohnungen auf, nehmen nicht nur Schäden an Amts- und Mandatsträger,sondern nunmehr an deren Familien in Kauf", sagte der CDU-Innenexperte Christian Hartmann am Dienstag nach Bekanntwerden der Tat. "Die Tat ist ekelerregend, abstoßend und an krimineller Energie kaum mehr zu überbieten."

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Maicher sprach von einem "abscheulichen Einschüchterungsversuch gegen unsere demokratische Gesellschaft insgesamt". Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) versicherte Gemkow seiner Solidarität: "Der Weg von Hetze, Hass und Gewaltaufrufen in der öffentlichen Debatte und den sozialen Netzen hin zur Tat ist ein sehr kurzer, das wird hier deutlich", sagte Jung, der in den vergangenen Monaten selbst massive Drohungen von Rassisten und Rechtsextremen bekam.

Der CDU-Rechtspolitiker Martin Modschiedler stellte die Frage, die alle beschäftigte: "Wie groß muss der Hass auf unseren demokratischen Rechtsstaat sein, dass man zu solchen Taten schreitet?"

Der Angriff in der Nacht zum Dienstag galt nicht nur dem Minister, auch seiner Frau, der fünfjährigen Tochter und dem drei Monate alte Sohn. Sie wurden aus dem Schlaf gerissen, als Unbekannte die Fenster der Wohnung einschmissen. Buttersäure in die Wohnung zu spritzen, gelang den Angreifern nicht - die Flüssigkeit lief an der Hauswand herunter. Übler Gestank verbreitete sich trotzdem in der Zweieinhalbzimmer-Wohnung. Die Kriminalpolizei begann noch in der Nacht mit Ermittlungen. In welches politische Lager die führen, wird heftig spekuliert. Laut Polizei haben Zeugen mehrere vermummte Täter weglaufen sehen.

Wie die RUNDSCHAU aus Sicherheitskreisen erfuhr, sollen die Spürhunde der Polizei Richtung Connewitz gelaufen sein. Der Stadtteil im Leipziger Süden ist Kraftzentrum der linken Szene, wo auch gewaltbereite Antifa-Cliquen ihre Treffpunkte haben. Diese hatten es schon öfter auf Justiz-Gebäude in der Stadt abgesehen. Als Mitte Januar vermummte Steineschmeißer durch die Leipziger City zogen und mehrere Läden entglasten, geriet auch das Amtsgericht ins Visier. Vierzig Fenster mussten dort hinterher neu eingesetzt werden.

Justizminister Gemkow steht derzeit im Fokus, weil sein Ressort die Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber beschleunigen soll. Dafür hat er im Juli 20 Richterstellen zusätzlich für die drei Verwaltungsgerichte in Leipzig, Dresden und Chemnitz geschaffen. Dadurch könnte sich Gemkow in linken Kreisen unbeliebt gemacht haben.

Andererseits könnten Ermittlungen gegen fremdenfeindliche Ausfälle, wie in Heidenau und Freital, Täter aus dem rechtsextremen Spektrum angestachelt haben. Der Justizminister steht in Sachsen - anders als Ministerpräsident und Innenminister - nicht unter Polizeischutz.

Der gemeinsamen Kabinettssitzung mit Sachsen-Anhalt in Merseburg blieb Gemkow am Dienstagvormittag fern, am Nachmittag nahm er die Arbeit wieder auf.

Zum Thema:
Buttersäure ist eine farblose, unangenehm ranzig riechende Flüssigkeit. Zusammen mit Luft kann sich ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Buttersäure kann Verätzungen von Haut und Schleimhäuten hervorrufen. Beim Einatmen der Dämpfe kann es zu Reizungen der Atmungsorgane kommen. Gerät Buttersäure in die Augen, droht sogar Erblindungsgefahr, wenn nicht sofort mit viel Wasser gespült wird. In diesem Fall sollte gleich ein Augenarzt konsultiert werden, heißt es in einer Erste-Hilfe-Empfehlung. Verseuchte Kleidung soll sofort ausgezogen, die Haut gründlich abgewaschen werden.