Am 7. Januar 2015, nachmittags, ging ich zu einer Pressekonferenz. Alltag, eigentlich. Noch in der Redaktion hatte ich Nachrichten von einem Anschlag in Paris überflogen. Bedrückt hastete ich über die Spreewaldbrücken. Angekommen, warf ich einen schnellen Blick auf Twitter. Und erfuhr, dass zwei Männer mehrere Journalisten und Zeichner des französischen Karikaturen-Magazins Charlie Hebdo erschossen hatten.

2015 brachte mir viele emotionale Momente, nicht nur beruflich. Ich litt beim zweiten Pariser Terroranschlag in diesem Herbst mit weit mehr Toten, bei ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer und zu vielen Grausamkeiten mehr. Das Attentat auf Charlie Hebdo traf mich besonders, weil Journalistenkollegen für Werte starben, die für mich persönlich zentral sind und für die ich in meiner Arbeit stehe: die Freiheit der Meinung, der Presse und der Kunst. Und, weil Unbeteiligte dabei ums Leben kamen.

Ich liebe Karikaturen, gerade weil sie Schmerzgrenzen überschreiten, scheinbar Gesetztes unangenehm hinterfragen. Ohne Pressefreiheit kann es keine Demokratie geben. In einer freiheitlich-demokratischen Kultur sind die Chancen am größten, dass Menschen sich entfalten, ihr Potenzial jenseits tradierter Pfade entwickeln und die Gesellschaft voranbringen. Für den Einzelnen birgt es Glück und Zufriedenheit.

Je weiter die Pressekonferenz voranging, desto klarer wurde mir die Absicht und Reichweite dieser Tat. Ich schrieb wie gewohnt mit, fühlte mich traurig und verloren. Ein intensiver Blickkontakt fing mich auf; ich lernte, dass man jemanden nur mit den Augen halten kann.

Tage später diskutierte ich mit einem Franzosen darüber, dass die Attentäter aus der zweiten Einwanderer-Generation im Nachbarland kamen. Seither ist mir klar, dass die Unterbringung der Geflüchteten, die gegenwärtig bei uns so im Fokus steht, nicht das Problem ist. Die Herausforderung für jeden Einzelnen ist es, den Kindern und Kindeskindern derer, die bleiben, ein Zuhause zu geben - und zwar ein geistiges und kulturelles, ganz gleich, ob und welche Religion dabei eine Rolle spielt. Eines, in dem sie akzeptiert sind, in dem alle dazugehören, in dem Toleranz und Freiheit vorgelebt werden und - bei allen Regeln - selbstverständlicher Teil des Alltags sind.

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