Der Terror kehrt nach Moskau zurück. Zuletzt waren 2004 bei einem Anschlag tschetschenischer Terroristen 41 Menschen getötet worden. Orientierungslos stolpern Menschen mit glasigen Augen auf der Suche nach Verwandten durch das Gewirr von Einsatzfahrzeugen, Sanitätern und Polizisten. Die Station ist weiträumig abgesperrt. Hubschrauber knattern über dem Anschlagsort direkt gegenüber der Zentrale des Geheimdienstes FSB.

Um 7.56 Uhr Ortszeit (5.56 MESZ) bricht im morgendlichen Berufsverkehr das Chaos los, als sich eine Frau mit vier Kilogramm TNT an der Lubjanka an der roten Bahnlinie in die Luft sprengt. Ausgelöst wird die Detonation angeblich mit einem Telefonanruf. Nur 44 Minuten später folgt der zweite Anschlag in der Haltestelle Park Kultury – auch hier dieselbe Vorgehensweise. Schon bald melden Ermittler, sie hätten Leichenteile der Attentäterinnen gefunden, eine sei 18 bis 20 Jahren alt. Die Behörden sind sicher: Es waren Untergrundkämpferinnen aus Russlands Unruheregion Nordkaukasus. Ein weiterer Sprengsatz, der bei einer toten Attentäterin gefunden wird, kann entschärft werden.

Ein wackliges Amateur-Video, das bereits kurz nach den Anschlägen im Internet auftaucht, zeigt, wie sich an der Station Park Kultury eine riesige Menschenmenge Richtung Ausgang wälzt. Ein Mann soll dabei zu Tode gequetscht worden sein. Die Eingangstüren zu den Haltestellen wurden nicht geschlossen. Tausende Menschen strömen wie an jedem Morgen hinein und drängen nichtsahnend nach.

Auf Bildern aus den Stationen sind mehrere Menschen zu sehen, die am Boden liegen. Sanitäter knien bei den Verletzten. Nach Angaben von FSB-Chef Alexander Bortnikow waren den Sprengsätzen Metallteile beigemischt, um die Wirkung noch zu verstärken. Das Innenministerium schaltet eine Notrufnummer.

Nur wenige Meter von der Lubjanka entfernt deutet nichts auf ein Attentat hin. Autos fahren direkt vor der Station vorbei. An der Rückseite des Gebäudes halten Bauarbeiter rauchend ein Schwätzchen. „Alles normal“, sagt ein Angestellter gleich nebenan in einer Bankfiliale. Auch die Metro fährt weiter, als sei nichts geschehen, nur an der Lubjanka hält kein Zug. Zwar sind mehr Milizionäre zu sehen als sonst, doch strengere Kontrollen gibt es nicht.

„Natürlich habe ich ein komisches Gefühl“, sagt Iwan, der sich im Gedränge krampfhaft an einer Stange festhält. „Aber was soll ich machen? Ich brauche die Metro, sonst komme ich nicht ans Ziel.“ Wie ihm geht es Hunderttausenden Moskauern. Die Untergrundbahn ist das schnellste und zuverlässigste Verkehrsmittel in Europas größter Stadt. Der Verkehr steht fast immer kurz vor dem Kollaps. Täglich benutzen etwa neun Millionen Menschen die Metro – eine solche Masse ist unmöglich zu überwachen. Die U-Bahn ist ein leichtes Ziel für Terroristen wie etwa islamistische Untergrundkämpfer aus der Unruheregion Nordkaukasus. Pläne wie der von Staatsbahn-Chef Wladimir Jakunin, Bahnhofseingänge mit Metalldetektoren auszurüsten, dürften nach dem neuen Attentat weiter Auftrieb erhalten.

Geschockt hält Rentnerin Swetlana vor der Lubjanka die Hand vor den Mund. „Das sind keine Menschen“, schimpft sie über die Attentäterinnen. Die 20-jährige Studentin Olga ist wütend auf die Regierung von Ex-Kremlchef Wladimir Putin. „Die brutale Unterdrückungspolitik im Nordkaukasus ist Schuld“, ruft sie. Doch die meisten Moskauer unterstützen die harte Linie von Kremlchef Dmitri Medwedew und seinem Regierungschef Putin. „Die „Banditen“ müssen ausgerottet werden“, sagt ein älterer Mann. Die Umstehenden nicken.