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Anpassung an Politik und Strompreise

Cottbus. Er soll den Weg für die nächsten 25 bis 30 Jahre vorzeigen. Der gestern vorgelegte Zukunftsplan der Leag gibt dem Unternehmen Spielraum. Simone Wendler

Während am Donnerstagabend in der Cottbuser Hauptverwaltung der Lausitzer Energie Bergbau AG (Leag) Aufsichtsratsvorsitzender Hartmuth Zeiß und Vorstandschef Helmar Rendez vor die Presse treten, sind die Kuriere im Revier schon unterwegs. Sie überbringen jedem Einwohner der bisher geplanten Tagebauerweiterungsfelder Nochten II und Welzow-Süd II einen Brief.

Darin steht, wie die neuen tschechischen Eigentümer EPH/PPF-Investments sich die Zukunft des Lausitzer Kohlerevieres in den nächsten Jahrzehnten vorstellen. Welche alten Vattenfall-Pläne sie weiter verfolgen und welche sie endgültig aufgeben. Zusammengefasst heißt das: Kein neues Kraftwerk in Jänschwalde, höchstens noch ein neues Tagebaufeld, je nachdem, welche energiepolitischen Entscheidungen die neue Bundesregierung trifft.

"Wir sind uns bewusst, dass wir mit dem Lausitzer Revierkonzept eine weitreichende Entscheidung getroffen haben", sagt Vorstandschef Helmar Rendez. Die beträfe das eigene Unternehmen, viele Menschen in der Region sowie die Länder Brandenburg und Sachsen. Entsprechend verantwortungsvoll sei die Entscheidung mit allen Konsequenzen abgewogen worden.

Mit der neuen Planung schafft sich das Energieunternehmen den Rahmen, um noch 25 bis 30 Jahre weiter in der Region Braunkohle zu fördern und damit Strom zu erzeugen. Es hält sich aber auch Spielräume offen, um eher seine Aktivitäten einzustellen. Und die Leag kündigt an, sich auf neuen Geschäftsfeldern des Energiebereiches in der Region tummeln zu wollen.

Was wurde entschieden?Jänschwalde: Im nördlichen Teil des Revieres ist das Ende der Braunkohlewirtschaft klar. Es wird in Jänschwalde keinen neuen Kraftwerksbau geben. Das Erweiterungsfeld Jänschwalde-Nord mit 250 Millionen Tonnen Kohlevorrat wird aufgegeben. Der laufende Tagebau Jänschwalde wird planmäßig 2023 die letzte Kohle liefern. Dort können noch 68 Millionen Tonnen gefördert werden. Vier der sechs dann noch in Betrieb befindlichen Kraftwerksblöcke sollen mit Kohle aus anderen Gruben über die Kohleverbindungsbahn noch acht bis zehn Jahre versorgt werden. Die Ausbildungsstätte der Leag am Kraftwerk Jänschwalde soll bestehen bleiben.

Nochten: Nach Ende des Betriebes in dem laufenden Kohlefeld in wenigen Jahren wird der Bagger hier nur noch in ein Sonderfeld Mühlrose einschwenken. Dieses Sonderfeld ist Teil des ursprünglich geplanten Erweiterungsfeldes Nochten II, in dem 300 Millionen Tonnen Kohle liegen. Davon soll im Sonderfeld nur noch die Hälfte gewonnen werden. Umgesiedelt werden nur noch 200 Einwohner von Mühlrose.

Der Tagebau Reichwalde läuft planmäßig weiter. Dort können noch 330 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert werden.

Welzow-Süd: In diesem Erweiterungsfeld lässt sich die Leag die Entscheidung bis 2020 in Abhängigkeit von der weiteren Energiepolitik und der Strommarktentwicklung offen. Das ist möglich, weil die laufende Grube von ihrer Endlinie noch weiter entfernt ist, als das in Nochten der Fall ist.

Keine Rolle spielen mehr die Felder Bagenz-Ost und Spremberg-Ost, die im Revierkonzept von Vattenfall im Jahr 2007 noch enthalten waren.

Insgesamt steht der Leag mit dem vorgelegten Konzept noch ein Kohlevorrat von einer Milliarde Tonnen ohne Welzow-Süd II und 1,2 Milliarden Tonnen mit diesem Feld zur Verfügung. Damit plant das Unternehmen, noch für weitere 25 bis 30 Jahre Strom erzeugen zu können. Die offene Entscheidung zu Welzow-Süd II gibt der Leag dabei Spielraum.

Welche Faktoren beeinflussten die Entscheidung?Es sind vor allem wirtschaftliche Überlegungen und die Auswirkungen getroffener und noch ausstehender energiepolitischer Entscheidungen der Bundesregierung, die massiven Einfluss auf den Entscheidungsprozess der Leag hatten. Dazu kommen fachliche Besonderheiten der Bergbauplanung. Nach Auskunft des Unternehmens geschah der Abwägungsprozess stufenweise mit der Prüfung vieler Alternativ-Varianten.

Der Strompreis und seine künftige Entwicklung spielten eine entscheidende Rolle. Die Vorbereitung eines neuen Tagebaufeldes erfordert die Investition eines hohen dreistellige Millionen-Betrages. Dieses Geld gibt nur aus, wer eine Chance sieht, es mit dem Kohlestrom, der daraus erzeugt wird, auch wieder zu verdienen.

Der rasch gewachsene Anteil erneuerbarer Energie in Deutschland hat den Preis an der Strombörse in den vergangenen Jahren tief absacken lassen. Mit 20 Euro pro Megawattstunde (MWh) hatte er Anfang 2016 einen Tiefpunkt erreicht, der weit unter der Rentabilität der Stromerzeugung aus Braunkohle lag.

Inzwischen wird Elektroenergie wieder mit etwa 30 Euro pro MWh gehandelt. Doch die weitere Entwicklung ist unsicher. Die Preiserholung ist auch vorübergehenden Effekten geschuldet: 2016 war relativ wind- und sonnenarm, in Frankreich machten Atomkraftwerke Probleme, und durch Stilllegung von Steinkohleminen in China stieg der Steinkohlenpreis weltweit. In Deutschland wird die anstehende Stilllegung von 11 000 Megawatt Kernenergie bis 2022 vermutlich eine Wirkung auf die Strompreisentwicklung haben.

Die Politik: Die Entscheidung zur Energiewende und die Klimaschutzbemühungen zur Reduktion des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO) hatten unmittelbare Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage der Braunkohlewirtschaft. Vor fast genau zwei Jahren gingen Lausitzer Bergleute auf die Straße, um gegen Pläne der Bundesregierung für eine Klimaabgabe zu protestieren Vorgesehen war damals, die Menge an CO-Zertifikaten für ältere fossile Kraftwerke zu reduzieren und Zusatzzertifikate mit einem erheblichen Preisaufschlag zu versehen. Die Pläne wurden abgewendet, statt dessen kam die Kraftwerksreserve, die in den kommenden zwei Jahren zwei 500-MW-Blöcke in Jänschwalde in den Ruhestand schickt.

Im Herbst 2016 wurden im letzten Moment aus dem im Bundesumweltministerium entwickelten "Klimaschutzplan 2050" Formulierungen gekippt, die einen schrittweisen Kohleausstieg festgeschrieben hätten. Diese und andere "bestehenden und abzusehenden regulatorischen Eingriffe der Europa- und Bundespolitik in die Energiewirtschaft und den Strommarkt" habe die Leag bei dem neuen Revierkonzept "in besonderem Maße" berücksichtigen müssen, beklagt Vorstandschef Rendez.

Jetzt wartet die Branche gespannt die Bundestagswahl ab. Danach wird mit weiteren energiepolitischen Entscheidungen gerechnet. Auf EU-Ebene ist eine Reduzierung der Quecksilbergrenzwerte in Abgasen im Gespräch. Auch das würde die Lausitzer Kohlekraftwerke betreffen.

Welche Folgen hat die Entscheidung für die Region?An allen Leag-Standorten im Revier gibt es heute vormittag Belegschaftsversammlungen, auf denen den noch rund 8000 Mitarbeitern das neue Konzept erläutert werden soll. Bis 2020 schützt sie eine Vereinbarung beim Verkauf an EPH/PPF vor betriebsbedingten Kündigungen.

Schrittweise, das steht jedoch schon länger fest, werden 600 Stellen in Zusammenhang mit der Sicherheitsreserve der beiden Blöcke in Jänschwalde wegfallen. Mit weiterem Jobabbau ist zu rechnen, wenn voraussichtlich 2023 der Tagebau Jänschalde seine Förderung beendet und dann vielleicht auch das Erweiterungsfeld Welzow-Süd II doch noch gestrichen wird.

Für die Region verschwinden damit gut bezahlte Industriejobs. Gemeinden, die in den vergangenen Jahren durch die Braunkohlebranche große Steuereinnahmen verzeichneten, können nicht mehr damit rechnen. Auch beim Sponsorig wird der zu verteilende Kuchen sicher kleiner, auch wenn Leag-Vorstand Rendez verspricht, dass das "regionale Engagement" fortgesetzt werde.

Alle Initiativen, die sich mit dem Strukturwandel der Lausitz beschäftigen, haben jetzt einen relativ sicheren Fahrplan zur Hand, wie die Rolle der Braunkohlewirtschaft schrittweise schrumpfen wird. Die darin enthaltene Unsicherheit geht nicht in Richtung einer längeren, sondern eher kürzeren Perspektive für die Branche.