Die französische Ortschaft Champagne-sur-Seine ist selten in den Schlagzeilen. Doch am Mittwoch war das 6000-Einwohner-Dorf rund 70 Kilometer südlich von Paris stundenlang im Fernsehen zu sehen. Im Studentenwohnheim der Gemeinde kamen nämlich die ersten Flüchtlinge unter, die aus München in Frankreich eintrafen.
54 Syrer, Iraker und Eritreer kamen am Vormittag nach mehr als zehnstündiger Fahrt mit dem Reisebus in Champagne-sur-Seine an und wurden dort vom Präfekten mit Handschlag begrüßt. Sie waren die Vorhut der insgesamt tausend Flüchtlinge, die Frankreich bis Freitag aus Deutschland aufnehmen will. "Wir können Deutschland damit nicht alleinlassen", sagte Präsident François Hollande am Montag bei seiner Pressekonferenz.

Doch die Solidarität des Staatschefs ist nicht überall willkommen. 55 Prozent der Franzosen lehnen es laut einer Umfrage vom Wochenende ab, nach deutschem Vorbild Flüchtlinge unbürokratisch aufzunehmen. Allen voran die Anhänger des rechtspopulistische Front National von Marine Le Pen, die mit ihrer Anti-Einwanderungs-Rhetorik rund 25 Prozent der Wähler einfängt. Beim Parteitag am Wochenende warf die Europaabgeordnete Deutschland vor, die Einwanderer nur als "billige Sklaven" halten zu wollen.

Die Angst, Le Pen in die Hände zu spielen, war auch der Grund, weshalb sich die sozialistische Regierung lange in der Einwanderungsfrage bedeckt hielt.
Erst im August ergriff Hollande zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Initiative und forderte ein einheitliches Asylsystem in Europa. Am Montag erklärte sich der Präsident zudem bereit, 24.000 Flüchtlinge in zwei Jahren aufnehmen. "Die Geschichte Frankreichs ist geprägt von Generationen von Flüchtlingen", sagte Hollande zur Begründung. Doch heute wehren sich viele Gemeinden dagegen, die Menschen aus dem Irak und Syrien willkommen zu heißen.

Bürgermeister wollen nur Christen aufnehmen

"Wir können nicht überall in Frankreich kleine Calais schaffen", sagte der Vorsitzende der Bürgermeistervereinigung, der konservative Ex-Minister François Baroin. In Calais am Ärmelkanal hausen rund 3000 Flüchtlinge unter miserablen Bedingungen und warten auf eine Gelegenheit, auf Lkw oder in Zügen nach Großbritannien zu kommen.

Einige konservative Bürgermeister schlugen unter dem Eindruck der islamistischen Anschlagserie seit Jahresanfang vor, nur die Christen zu empfangen. "Ich möchte die Sicherheit haben, dass es sich nicht um verkleidete Terroristen handelt", begründete der Bürgermeister von Roanne, Yves Nicolin, seine Idee.

Doch für die Regierung kommt eine solche Trennung nicht in Frage. Sie organisiert am Wochenende mit den Bürgermeistern der Kommunen, die aufnahmebereit sind, die Einzelheiten. Die Aufnahme solle "würdevoll" sein, kündigte Innenminister Bernard Cazeneuve an, der extra einen Beauftragten dafür ernannte.

Wenig würdevoll geht Frankreich allerdings nicht nur in Calais mit seinen Flüchtlingen um, sondern auch in Paris. In der Hauptstadt leben Hunderte auf der Straße, da es kein einziges Aufnahmezentrum für die Neuankömmlinge gibt. Zahlreiche Prominente, darunter die Schauspieler Juliette Binoche und Omar Sy, forderten die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf, schnell eine solche Einrichtung zu schaffen. "Wir sind schockiert über die unmenschliche Situation." In den Gemeinden, die aufnahmebereit sind, ist auch die Hilfsbereitschaft groß. In Champagne-sur-Seine boten sich bereits Freiwillige an, dem Roten Kreuz bei der Ankunft der Neuankömmlinge zu helfen. Doch noch braucht die Gemeinde keine Helfer. Sie bittet am Mittwoch nur um eines: warme Kleidung.