Auch das Gespenst eines Scheiterns der EU-Reform geht wieder um.Der geschasste tschechische Regierungschef Mirek Topolanek bemühte sich am Mittwoch vor dem Europaparlament in Straßburg nach Kräften, den Brand einzudämmen. "Wir werden alles tun, um unsere Verpflichtungen zu erfüllen", beteuerte der 52-Jährige. Zugleich wurde deutlich, wie wenig Vertrauen der Tscheche bei vielen EU-Vertretern genießt. Schweres Geschütz fuhr Martin Schulz (SPD) auf. "Sie sprechen nicht im Namen der EU, sie führen die EU in die Sackgasse", warf der Chef der Sozialdemokraten im Europaparlament Topolanek vor. Nicht nur Schulz fragt sich, ob ein Mann wie Topolanek beim G-20-Gipfel in London wirklich glaubhaft für alle Mitglieder sprechen kann. Auch einem tschechischen Vorzeigeprojekt droht ein Image-Schaden: dem EU-USA-Gipfel mit US-Präsident Barack Obama am 5. April in Prag.Europaparlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) bemühte sich mit einem Konrad-Adenauer-Zitat um Schadensbegrenzung: "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos." Bei EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso dagegen lagen für einen kurzen Moment die Nerven blank. "Mir reicht es", klagte er. Die Wirtschaftskrise sei ohnehin schon vertrackt genug.Die Bundesregierung übte sich derweil in Zweckoptimismus. Berlin habe die Hoffnung, dass Tschechien seine EU-Präsidentschaft trotz der innenpolitischen Schwierigkeiten weiter effektiv wahrnehmen könne, sagte Vizeregierungssprecher Thomas Steg. Auffällig bedeckt hielt sich dagegen der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Er hatte den Tschechen zum Ende seines Ratsvorsitzes im vorigen Halbjahr die Fähigkeit zur Führung abgesprochen. Um ein politisches "Vakuum" zu vermeiden, will der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen Sarkozy notfalls sogar wieder als Ratspräsidenten einsetzen - gemeinsam mit dem schwedischen Regierungschef Fredrik Reinfeldt, der am 1. Juli den EU-Vorsitz übernimmt. Am meisten aber fürchten die Europäer um ihren Reformvertrag. Mit Topolanek verliert Tschechien den mächtigsten Befürworter für die ausstehende Ratifizierung des Lissabon-Vertrages in Prag. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok orakelt schon, der Vertrag müsse womöglich "beerdigt" werden. Dabei sieht dieser gerade einen festen Ratspräsidenten vor, der zweieinhalb Jahre im Amt sein soll.Über Wohl und Wehe der EU darf nun ausgerechnet einer der größten Europaskeptiker entscheiden, Tschechiens Präsident Vaclav Klaus. Der bekennende EU-Vertragsfeind muss einen neuen Auftrag zur Regierungsbildung erteilen. Vieles spricht dafür, dass Topolanek bis zum Ende seiner EU-Ratspräsidentschaft am 30. Juni die Geschäfte weiterführen darf. Im Europaparlament gilt der Tscheche aber schon jetzt als "lahme Ente".