„Wir können den Zustand, wie er jetzt ist, nicht hinnehmen.“
 Frank Szymanski, Oberbürgermeister


Es ist nahezu täglich vom späten Nachmittag an das gleiche Bild vor der Stadthalle in Cottbus: In Gruppen stehen Mädchen und Jungen zusammen, lümmeln um die beiden Springbrunnen, sitzen auf den Stufen vor der Stadthalle. Schnaps wird getrunken. Manchmal „vornehm“ aus Pappbechern, öfter gleich aus der Pulle. Flaschen mit Bier und alkoholischen Mixgetränken kreisen. Es wird geraucht. Kippen, Schachteln und anderer Unrat bleiben liegen, wo er den jungen Leuten aus der Hand fällt oder mit Fußtritten hinbefördert wird. Wenn die Getränke aus dem Körper drängen, wird uriniert, wo Bürger vorbei müssen.
Es ist der zentrale Platz in der Lausitzstadt. Alle Straßenbahnlinien kreuzen hier. Dichter Autoverkehr herrscht. Fußgänger und Radfahrer passieren ihn. Hierher kommen täglich Tausende Cottbuser und Besucher der Stadt. Es herrscht reger Betrieb. Und Angst. Um die Gruppen wird ein großer Bogen gemacht, um Pöbeleien aus dem Weg zu gehen. Vor wenigen Tagen wurde ein Fernsehteam von Rechtsradikalen angegriffen. Mehrfach in der vergangenen Zeit hat die Polizei Platzverweise gegen Jugendliche ausgesprochen.
In den zurückliegenden zwei Wochen haben Beamte nach Angaben von Polizeisprecher Berndt Fleischer die Identität von etwa 100 Personen festgestellt. „Die kamen aus allen Himmelsrichtungen der Stadt.“ Fleischer spricht von der „Spitze des Eisberges“ , der auf dem Stadthallenvorplatz bei den Kontrollen angekratzt wurde. Die Mehrzahl der Überprüften zwischen 13 und 25 Jahren sei durch Straftaten „der Polizei bekannt“ . Sachbeschädigung, Körperverletzung, das Zeigen von Nazisymbolen, Hausfriedensbruch, Raub stehen in der Sünderkartei.
Kein Wunder, dass ausländische Studenten vom nahegelegenen Campus der Brandenburgischen Technischen Universität aus Furcht eher selten über den Platz schlendern. Und das nicht erst seit gestern. Vor fast drei Jahren wurden zwei junge Chinesen von Rechtsradikalen „weggeklatscht“ . Kein Einzelfall. Erst im Dezember 2006 erhielten die Täter ihre Strafen: Für einen erwachsenen Neonazi zwei Jahre Freiheitsentzug, für einen Jugendlichen zwei Jahre Jugendhaft. Zwei damals betrunkene Mädchen kamen mit Verwarnungen davon. „Sie haben sich glaubhaft aus der rechten Szene gelöst“ , sagt der Direktor des Cottbuser Amtsgerichtes, Wolfgang Rupieper.
Der Begriff der „No-Go-Areas“ macht unter der Hand wieder die Runde: Jene Orte, vor deren Betreten der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye vor allem Ausländer im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr gewarnt hatte. Amtsgerichtsdirektor Rupieper sieht die Gefahr, dass dieser Ort „zu einem rechtsfreien Raum wird, den Normalbürger nicht mehr nutzen“ . Außerdem, so fügt er hinzu, „finden rechte Gruppierungen dort ihren Nachwuchs“ . Rupieper weiter: „Der Stadthallenvorplatz ist für bestimmte Personen eine Bühne. Es wird schwierig, diese Bühne dicht zu machen.“
Dass es gelingt, wünscht sich nicht zuletzt Marc Stickdorn, Direktor des Lindner Congress Hotels: „Meine Gäste sind alles andere als begeistert“ , fasst er die Mehrzahl der Meinungen zusammen. „Jetzt beginnt die Terrassensaison und nur drei Meter entfernt gibt es diese Vorfälle“ , blickt Stickdorn voraus. Es gehe in Cottbus voran, doch es sei unter diesen Umständen schwer, das Positive zu vermitteln. Stickdorn weiß: „Was negativ ist, bleibt den Gästen in Erinnerung.“
Oberbürgermeister Frank Szymanski sagt klipp und klar: „Wir wollen eine weltoffene Stadt sein. Deshalb können wir den Zustand, wie er jetzt ist, nicht hinnehmen.“ Gemeinsam mit Anliegern, der Polizei, Jugendhilfeverein, Humanistischem Jugendwerk, Streetworkern und Jugendlichen, mit denen man zuletzt im Gespräch war, ist ein Verhaltenskodex entstanden, der für jeden sichtbar angebracht wird. Oberstes Gebot ist, alle Bürger respektvoll zu behandeln. Eine Selbst ver ständlichkeit, um die sich bisher eine mal kleinere, mal größere Gruppe von Störenfrieden nicht geschert hat. Wenn sich nichts ändere, werde die Stadt mit einem Alkoholverbot reagieren, kündigt Szymanski an. Gegenwärtig sei zwar nicht an eine Videoüberwachung des Platzes gedacht, „wir würden ein solches Verbot aber mit anderen Mitteln durchsetzen“ , so das Stadtoberhaupt.
Jörn Meyer, Chef des Jugendhilfevereins in Cottbus, ist überzeugt, dass es letztlich nur durch Zivilcourage der Cottbuser gelingt, für saufende, pöbelnde, gewaltbereite Jugendliche und Heranwachsende den Vorhang zum Stadthallen-Vorplatz zu schließen. „Wir Erwachsene gestehen den Jugendlichen zu viel zu, setzen ihnen keine Grenzen, die zeigen, wo es lang geht“ , ist seine Erfahrung. „Wenn die Jugendlichen bei jeder Gelegenheit angesprochen werden, dass nicht geht, was sie dort veranstalten, wird das auf Dauer Wirkung zeigen“ , ist er sich sicher. „Die Hälfte wird es einsehen, die andere Hälfte verschwinden“ , so Meyer. „Wer angepöbelt wird, muss die Polizei rufen und die Straftat anzeigen“ , sagt der Jugendbetreuer. Die verspricht, in den nächsten Wochen besonders präsent zu sein. Das gemeinsame Ziel formuliert Meyer so: „Wir wollen mehr Jugendliche auf dem Platz. Wir wollen aber andere. Wir wollen, dass auch chinesische Studenten an den Springbrunnen sitzen und sich wohlfühlen.“

Stimmen aus anderen Regionen „Jugendarbeit ist Reden“
Günter Mazanek, Leiter Polizeirevier Hoyerswerda: „Auf dem Lausitzer Platz gibt es hin und wieder Jugendliche, die Bier trinken. Es hält sich aber alles in Grenzen. Auch der Wachschutz des Einkaufszentrums geht mal vor die Tür und achtet auf Ordnung.“
Franka Heide, Regenbogenhaus Bad Liebenwerda: „Auf dem Rossmarkt in Bad Liebenwerda hatten wir einen ähnlichen Brennpunkt wie in Cottbus. Wir haben eine Jugendgruppe gebildet, die Freitag und Sonnabend in eigener Regie bis zwei Uhr nachts im Regenbogenhaus bleiben kann. Dadurch haben wir Dreiviertel der Rossmarkt-Jugend erreicht. Die anderen sind wieder gegangen. Wir müssen immer wieder raus zu ihnen. Jugendarbeit ist Reden.“
Lutz Miersch, Polizeisprecher Elbe-Elster: „Das Phänomen wie vor der Stadthalle in Cottbus ist in unseren kleinen Städten weitgehend unbekannt. Die soziale Kontrolle klappt einfach besser als in der großstädtischen Anonymität. Eltern werden sofort von anderen informiert, wenn ihre Sprösslinge über die Stränge schlagen.“
Uwe Horbaschk, Sprecher Polizeidirektion Niederschlesien-Oberlausitz: „In Städten mit großen sozialen Problemen haben wir eine geringere Aufklärungsquote bei Sachbeschädigungen. Bürger werden gleichgültig, die Zivilcourage nimmt ab.“