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Angriff auf deutsche Medikamentenpreise

Die Apotheker stehen vor einer ungewissen Zukunft: Welche Auswirkungen wird das Urteil des Europäischen Gerichtshofs auf ihr Geschäft in der Zukunft haben?
Die Apotheker stehen vor einer ungewissen Zukunft: Welche Auswirkungen wird das Urteil des Europäischen Gerichtshofs auf ihr Geschäft in der Zukunft haben? FOTO: dpa
Luxemburg/Cottbus. Rezeptpflichtige Medikamente kosten in jeder deutschen Apotheke gleich viel. Dafür sorgt ein Festpreis. Für ausländische Versandapotheken gilt der nun nicht mehr. Mit ungewissen Wirkungen auf Preise und Apothekenmarkt. Simone Wendler / mit dpa

Wer am Mittwoch auf die Internetseite des Arzneiversandhändlers DocMorris ging, wurde mit einem neuen Angebot überrascht. Zwischen zwei und zwölf Euro Bonus pro Rezept je nach Packungszahl bekommt danach jeder, der seine verschreibungspflichtigen Medikamente nun bei dem in Holland ansässigen Händler bestellt.

Der Rabatt wird von der fälligen Zuzahlung abgezogen. "Bei chronisch Kranken können da im Jahr mehrere Hundert Euro zusammenkommen", so Torben Bonnke, Sprecher von DocMorris. Das Angebot sei gestern sofort nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) auf die Seite geladen worden, bestätigt er. Seit 2012 war dem Medikamentenhändler nur der Verkauf rezeptfreier Präparate zum Festpreis an seine deutschen Kunden erlaubt. Das sei nun vorbei, so Torben.

Der EuGH hatte entschieden, dass die deutsche Preisbindung für Medikamente eine nicht gerechtfertigte Beschränkung des grenzüberschreitenden freien Warenverkehrs sei. Von einem Preiswettbewerb könnten die Patienten profitieren, hieß es. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte den EuGH in einem anhängigen Verfahren eingeschaltet und muss die EuGH-Entscheidung nun umsetzen.

Die Apothekerverbände in Deutschland zeigten sich über die Entscheidung entsetzt. "Wir sehen das als Katastrophe mit nicht absehbaren Folgen an", sagt Thomas Baumgart, Sprecher des Apothekenverbandes Brandenburg, der fast alle zugelassenen 576 Apotheken im Land vertritt. Jetzt seien die inländischen Apotheken benachteiligt, weil sie sich weiterhin an die Festpreise halten müssten.

Die Bundesvereinigung der Apothekerverbände sieht in dem EuGH-Spruch sogar einen Eingriff in ein Politikfeld, das den Mitgliedstaaten vorbehalten sei. Im Klartext, wie Deutschland seine Arzneimittelpreise reguliert, geht die EU nichts an. Das vorhandene System sorge auch für die flächendeckende Sicherstellung der Notfallversorgung mit Medikamenten nachts und am Wochenende.

Für Thomas Baumgart vom Brandenburger Apothekerverband könnten Arzneimittel auf dem Land künftig sogar teurer werden als in der Stadt, falls nun in Deutschland die Preisbindung gänzlich fiele. Apotheken auf dem Land könnten auch unter wirtschaftlichen Druck geraten. "Wir fordern den Gesetzgeber jetzt auf zu handeln", so Baumgart. Eine Lösung wäre, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten wieder zu verbieten.

Ob es dazu kommt, ist fraglich. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will die Angelegenheit zunächst prüfen, lässt die Apotheker aber hoffen: "Ich bin fest entschlossen, das Notwendige zu tun, damit die flächendeckende Arzneimittelversorgung auf hohem Niveau durch ortsnahe Apotheken weiterhin gesichert bleibt."

Verbraucherschützer sehen dagegen das Urteil für Patienten erst einmal grundsätzlich positiv. "Sie könnten bei verschreibungspflichtigen Medikamenten künftig Kosten sparen, wenn sie bei ausländischen Versandapotheken bestellen", sagt etwa der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Kai Vogel.

"Welche Auswirkungen die heutige Entscheidung für Patienten hat, ist nicht abzuschätzen", sagt auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Für die Versicherten sei das Preisspiel zwischen Kostenträgern und Pharmaindustrie vollkommen undurchsichtig. Das liege auch an der unprofessionellen Verhandlungsstrategie der Krankenkassen. "Jedenfalls ist der gesetzlich garantierte Besitzstand der Apotheker beendet", so Brysch.

Der größte europäische Arznei-Internet-Händler DocMorris, der nach eigenen Angaben inzwischen drei Millionen Kunden versorgt, kann die Aufregung der deutschen Apothekenverbände nicht nachvollziehen. Bisher würden nur etwa drei Prozent des deutschen Medikamentenumsatzes durch Internethändler wie DocMorris getätigt, davon bis zum Verbot 2012 ein kleiner Teil verschreibungspflichtiger Präparate, so Unternehmenssprecher Torben Bonnke.

Wie weit der Anteil nach der EuGH-Entscheidung jetzt wachsen könne, hänge auch davon ab, was die Bundesregierung jetzt unternehme. Letztendlich habe es der Patient ja in der Hand, ob er in seine Apotheke um die Ecke geht oder bestellt. "Das ist ja auch Aufwand, weil das Rezept zu uns geschickt werden muss." Auf längere Sicht sei jedoch ein Marktanteil insgesamt von 15 bis 20 Prozent denkbar. Bei frei verkäuflichen und viel verwendeten Mitteln wie Aspirin käme jetzt schon jede zehnte Packung mit der Post.