Europa bestimmte das außenpolitische Drehbuch von Merkels erster Arbeitswoche: am Mittwoch Paris und Brüssel, am Donnerstag London, am Sonntag schließlich der EU-Mittelmeergipfel in Barcelona. Merkel demonstrierte jedesmal Selbstbewusstsein und Zuversicht, ohne überheblich zu wirken. Fester Schritt, keinerlei Unsicherheiten, auch nicht bei der Begrüßung durch den spanischen König Juan Carlos. Fast hat es den Eindruck, Merkel gehöre schon lange zum Kreis der Chefs in Europa. Mit ihrem britischen Kollegen Tony Blair, einem Profi für medienwirksame Auftritte, tauschte sie quer über die riesige Tischrunde in Barcelona freundliche Handzeichen. Als seien beide schon immer die besten Freunde gewesen.
Alle seien von Merkel "sehr angetan", berichtete der Chef der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, Hans-Gert Pöttering (CDU), gestern am Rande des Gipfels über die Reaktionen auf die deutsche Kanzlerin. Sie habe ein "feines Gespür für die Psychologie der Europäer", lobte der Parteifreund, nicht ohne eine Spitze gegen Merkels SPD-Vorgänger Gerhard Schröder: Mit Merkel werde in Europa das "Achsendenken" der vergangenen Jahre sicherlich überwunden, lobte Pöttering Kompromisswillen und -fähigkeit der Kanzlerin.
Diese Eigenschaften wird Merkel in den kommenden drei Wochen auch dringend brauchen. Bis Mitte Dezember soll die künftige Finanzierung der EU stehen, nachdem die Staats- und Regierungschefs daran beim Juni-Gipfel scheiterten. Merkel bewies mit ihrer ersten Auslandsreise nach Paris, dass sie zu der Achse steht, die von ihrem politischen Ziehvater Altkanzler Helmut Kohl gepflegt wurde. In Frankreichs Finanzstreit mit Großbritannien will sich die Regierungschefin deswegen aber noch lange nicht hineinziehen lassen. Versuche, sie einseitig gegen den britischen EU-Beitragsrabatt zu positionieren, ohne auch die französischen Agrarsubventionen in Frage zu stellen, fruchteten bisher nicht.
Ganz genau drauf hielten die Fernsehkameras bei dem mit Spannung erwarteten Treffen Merkels mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan am Sonntagabend. Schließlich hatte Merkel der Türkei wiederholt die Perspektive für eine EU-Vollmitgliedschaft streitig machen wollen und Ankara nur eine "privilegierte Partnerschaft" angeboten. Streit gab es bei dem etwa halbstündigen Treffen aber nicht. Die Atmosphäre sei "wie immer gut" gewesen, versicherte die in ein schwarzes Kostüm gekleidete Kanzlerin anschließend wohlgelaunt den Journalisten. Wieder mit dieser offenen Freundlichkeit, der sich auch ihr türkischer Gesprächspartner wohl nicht entziehen wollte oder konnte.