Professor Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher aus Ulm, versucht es mit einem Vergleich. Dass Rauchen Lungenkrebs verursachen kann, sei wissenschaftlich nachgewiesen. Nicht alle Raucher bekommen aber Krebs. Sei das ein Beweis dafür, dass Rauchen doch keinen Krebs verursacht?

"Gewaltbereiter nach Gewalt-Spiel"
So ähnlich sei es mit der Debatte um die Wirkung von medialer Gewalt. Dass Tausende Menschen Horrorfilme anschauen oder Gewaltvideos spielen, ohne selbst durch Gewalttätigkeit aufzufallen, sei keineswegs ein Beweis dafür, dass es so einen Zusammenhang nicht gebe, im Gegenteil. Zahlreiche Untersuchungen hätten nachgewiesen, dass Videogewalt Menschen verändert, auch wenn sie das selbst gar nicht wahrnehmen. „Im Gehirn läuft vieles ab, von dem wir nichts mitbekommen“ , sagt Spitzer. Es stimme auch nicht, dass nur bereits vorhandene Gewaltbereitschaft durch Gewaltspiele und Horrorfilme verstärkt wird, versichert der Hirnforscher: „Wer Gewaltspiele spielt, ist danach auch gewaltbereiter.“
Als einen Beleg dafür führt er Erfahrungen der US-Armee an. Weil deren Soldaten offenbar aus einer inneren Hemmung heraus zu häufig daneben schossen, wurden sie mit Ballerspielen an Videokonsolen trainiert. Das habe funktioniert. „Die haben gelernt, drauf zu halten und zu treffen.“ Die dabei eingesetzten Killerspiele gehörten heute zu den am meisten verkauften.
Im Fall des angeklagten 19-Jährigen, der im Juli ohne jedes erkennbare Motiv einen obdachlosen Mann in Cottbus tötete, indem er ihm das Gesicht mit Schlägen und Tritten zertrümmerte, hält Spitzer eine verminderte Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit für möglich. Steffen G. hatte kurz vor der Tötung des 51-Jährigen fünf Stunden lang „Wrestling“ gespielt. Den dabei entwickelten Frust und den Genuss von Alkohol macht der junge Lausitzer als Ursachen geltend für das Verbrechen, das er danach beging.
Wie so ein Videospiel aussieht, wurde von zwei Mitarbeitern eines Elektronik-Marktes im Gerichtssaal vorgeführt. Zwei halb nackte Männer schlagen und treten in einem Ring aufeinander ein. Man hört anfeuerndes Gebrüll und das dumpfe Aufprallen von Tritten und Schlägen und wie mit aller Kraft auf den Kopf und Bauch des Gegners gesprungen wird, wenn der bereits am Boden liegt.
In einer „Hardcore-Stufe“ des Spiels wird auch mit Stühlen, Tischen und anderen schweren Gegenständen aufeinander eingeprügelt. Die Schläge hinterlassen keine sichtbare Wirkung. Es ist kein Blut zu sehen. Die Kontrahenten stehen immer wieder auf. Das Spiel ist ab zwölf Jahren freigegeben und verkauft sich sehr gut. Gerade kommt wieder eine neue Variante in die Läden, die siebente Version.
Hirnforscher Manfred Spitzer erläutert dem Gericht, dass Gewaltspiele zu einer Abstumpfung gegenüber realer Brutalität führten: „Wenn sie 20-mal den selben Horrorfilm sehen, geht ihr Puls nicht mehr hoch.“ Erfahrungen und seelische Abläufe veränderten das Gehirn, hinterließen dort messbare Spuren. Spitzer spricht von „Bahnungseffekten“ .

Brutalität mit Lerneffekt
In Untersuchungen über den Konsum von Gewaltvideos und -spielen sei auch ein langfristiger „Lerneffekt“ nachgewiesen, auf Konflikte mit Aggressivität zu reagieren. „Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, solche Spiele sind nicht folgenlos“ , fasst Spitzer zusammen.
Im Falle der Tötung des Obdachlosen sei ein Lerneffekt bei dem Angeklagten jedoch auszuschließen, weil es das erste Gewaltspiel war, das er benutzte. Die fünf Stunden Spieldauer reichten jedoch für den Abstumpfungseffekt aus. Es sei deshalb nicht auszuschließen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Spiel und der Tat gab, so der Hirnforscher: „Angesichts des Fehlens jedes anderen Motivs und der Geständigkeit des Angeklagten, ist die Tat anders gar nicht zu verstehen.“
Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Sigrun von Hasseln, warum er den Obdachlosen, dem er zunächst eine Nachtbleibe verschaffen wollte, dann plötzlich eine Treppe heruntergestoßen habe, weiß Steffen G. keine Antwort: „Ich kann mir das nicht erklären.“ Erst als der Mann unten lag, seien in seinem Kopf die Wrestlingbilder aufgetaucht, so der Angeklagte. Dann habe er zugetreten.
Dass der 19-Jährige schon vor dem verhängnisvollen Wrestlingspiel zu Gewaltausbrüchen neigte und ein Alkoholproblem hatte, bestätigen Zeugen.
Ein jugendlicher Insasse aus der Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen berichtet vor Gericht, dass ihm der Angeklagte in der Haft grundlos eine brennende Zigarette auf der Hand ausgedrückt habe.

Behandlung und Rückfall
Eine Sozialarbeiterin der Cottbuser Suchthilfe schildert die Betreuung des Angeklagten seit Januar 2005, als der damals 17-Jährige begleitet von seiner Mutter um Hilfe wegen seiner Trunksucht bat. Es folgten eine stationäre Therapie, ambulante Betreuung, ein Rückfall und ein neuer Therapieanlauf. Dazu kam, so die Schilderung der Zeugin, ein Anti-Aggressions-Training in Zusammenhang mit einer Jugendstrafe und die Betreuung durch einen Jugendamtsmitarbeiter.
„In allen Gesprächen war Steffen immer ruhig und höflich,“ , versichert die Suchthelferin. Angst vor der eigenen Aggressivität unter Alkoholeinfluss, sei ein wichtiges Motiv für seinen Therapiebeginn gewesen. Unmittelbar vor dem verhängnisvollen Zusammentreffen des Obdachlosen mit dem Angeklagten war dieser von der Polizei kontrolliert worden, weil er gegen einen Fahrscheinautomaten der Straßenbahn getreten hatte. Dabei hatte er 1,7 Promille Alkohol im Blut gehabt.
Am kommenden Dienstag soll der Prozess mit Plädoyers und Urteil zu Ende gehen. Vorher muss noch der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten zur Schuldfähigkeit von Steffen G. abgeben. „Ich beneide sie nicht um ihre Aufgabe“ , sagte Hirnforscher Manfred Spitzer zu seinem Kollegen.