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Anarchisten in Heidiland antworten auf die Krise

Anarchisten bevölkern derzeit den Gemeindesaal in St. Imier. Foto: dpa
Anarchisten bevölkern derzeit den Gemeindesaal in St. Imier. Foto: dpa FOTO: dpa
Bern. Von Attac bis Occupy. In der Krise blüht der Protest. Und der Anarchismus – einst als linke Gegenbewegung zum Marxismus entstanden – ist populärer den je. Doch die Haltung zur Gewalt ist umstritten. Thomas Burmeister

Superpünktliche Züge, unkrautfreie Dorfstraßen, Berglandschaften wie gemalt. Anarchismus im Heidiland? Schwer vorstellbar. Aber wahr: Das Schweizer Uhrmacherstädtchen Saint-Imier gilt als Wiege der Antiautoritären Internationale. Dass anarchistisches Gedankengut in Krisenzeiten so populär wie schon lange nicht mehr ist, demonstrieren linke Weltverbesserer aus etlichen Ländern seit dem gestrigen Mittwoch im Berner Jura.

Bis zu 3000 Teilnehmer "von fast jedem Flecken der Erde" sind dabei beim fünftägigen "Welttreffen des Anarchismus". Es gehe um "diverse Wege des Widerstands" gegen gesellschaftliche Übel, sagt Cheforganisator Michel Némitz. Mitreden darf jeder. Vom Umfang her erinnert das Programm an die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Manche Themen sind selbst für Anarchismus-Anfänger nachvollziehbar. Der arabische Frühling und seine Folgen etwa, der Kampf gegen Rechtsextremismus oder die Schuldenkrise in Europa.

Komplizierter könnte es für Laien bei vielen anderen Themen werden, etwa am Runden Tisch zum "Anarchafeminismus". Die Wortschöpfung von US-Feministinnen - so klärt das österreichische Internetportal anarchismus.at auf - bedeute "Radikalfeminismus, gemischt mit libertären Ideen und anarchistischer Theorie und Praxis". Alles klar?

Leichter als das Wofür können Revolutionäre meist darstellen, wogegen sie sind. Auch die "Prinzipien des Treffens" in Saint-Imier bieten eine lange No-No-Liste: "Wir erinnern an unsere Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus, Patriarchat, Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Staatlichkeit, jeglicher Religion und jeder anderen Form von Unterdrückung."

Entsprechende Einstellungen, warnen die Organisatoren der verschiedensten anarchistischen Verbände, "werden bei dem Treffen nicht akzeptiert". Hunde übrigens auch nicht. Darauf wird im Programmheft der Anarchistischen Föderation eigens hingewiesen.

Wie sehr das Interesse an libertären Weltverbesserern zugenommen hat, zeigt der Erfolg des US-Anarchisten David Graeber. Sein Buch zur Finanzkrise "Schulden: Die ersten 5000 Jahre", in dem er das Ende des Schuldenkapitalismus proklamiert, fand selbst bei Neoliberalen Anerkennung. Symbol eines neuen Anarchismus ist für den Dozenten der University of London die Bewegung "Occupy" - auch "weil sie sich weigert, unter einem Label zu firmieren, und sei es, das des Anarchismus".

Dass der seinerzeit im Berner Jura aufblühte, hatte wohl etwas mit der eher linken und zugleich antiautoritären Einstellung vieler der damaligen Uhrmacher in dieser Region zu tun. Ideen des in die Schweiz geflohenen russischen Revolutionärs und Anarchisten Michael Bakunin seien für sie "eine attraktive Alternative zur strengen Doktrin von Karl Marx" gewesen, schrieb die Berner Tageszeitung "Der Bund".

Anlass für das jetzige Welttreffen ist ein Jubiläum: Vor 140 Jahren kamen in einem Gasthof in Saint-Imier anarchistische Marx-Gegner zu einem "Weltkongress" zusammen. Sie riefen 1872 die Antiautoritäre Internationale aus.