Hier herrscht auch zwei Jahre nach dem gewaltsamen Ende des Gaddafi-Regimes immer noch das Gesetz des Dschungels.

Daran, dass immer wieder schwer bewaffnete Milizionäre vor seinem Büro herumlungern, um irgendwelche Forderungen an die Regierung loszuwerden, war Seidan gewöhnt. Aus Sicherheitsgründen schlief er schon länger im Hotel. Seiner Familie, die ihn kaum noch zu sehen bekam, erklärte er, die Politik habe jetzt erst einmal Vorrang. Diesmal gehen die sogenannten Revolutionäre allerdings noch einen Schritt weiter. Vor Sonnenaufgang stürmt eine Gruppe, die dem Innenministerium zugeordnet ist, mit einem falschen Haftbefehl in Seidans Hotel und zerrt den Regierungschef aus dem Bett. Sie bringen ihn in das Hauptquartier ihrer Einheit.

Stundenlang ist ein verwackeltes Handy-Foto, das ihn mit zerzaustem Haar zeigt, das einzige, was von dem Ministerpräsidenten zu sehen ist. Dann machen sich Kämpfer einer anderen Brigade auf den Weg, um Seidan zu befreien. Nach Angaben aus Regierungskreisen schlägt ihnen kein Widerstand entgegen, als sie das Gebäude stürmen, in dem der Regierungschef festgehalten wird.

Vielleicht haben die Entführer inzwischen gemerkt, dass sie die öffentliche Meinung nicht auf ihrer Seite haben. Denn selbst einige von Seidans politischen Gegnern empören sich über diesen mangelnden Respekt vor den Institutionen des Staates.

Für Seidan ist diese Geiselnahme noch einmal gut ausgegangen. Doch die Entführung zeigt, wer in Libyen wirklich die Macht hat: Milizen, die regional verwurzelt und bis an die Zähne bewaffnet sind. Viele von ihnen operieren zwar formal unter dem Dach der Armee oder des Innenministeriums. Das hält sie aber nicht davon ab, ihre Waffen auch für die Durchsetzung eigener Interessen zu benutzen.

An seiner Strategie der Deeskalation hält Seidan auch nach der Entführung fest. Genau wie zuvor ruft er auch jetzt wieder dazu auf, politische Konflikte im Dialog zu lösen und nicht mit Waffengewalt.

Der Regierungschef tritt nach seiner Befreiung gelassen vor sein Kabinett, so als wäre nichts gewesen. Nur eines fällt auf: Seidan trägt seine kleine Brille mit den dicken Gläsern nicht. Die ist im Chaos der Entführung verloren gegangen.