Bischof Ipolt, wie feiern Sie Weihnachten?

Ich werde Weihnachten in der Kathedrale St. Jakobus in Görlitz feiern. Das wichtigste an diesem Fest sind die großen Gottesdienste in der Heiligen Nacht und am ersten Weihnachtstag. Das ist der Kern meiner Feier. Am Heiligen Abend werde ich mit einer kleinen Gruppe von Priestern und Ordensschwestern zusammen zu Abend essen, und dann gehe ich in die Kirche. Ich bin am Heiligen Abend auch gern für einige Zeit allein, um an der Krippe zu beten. Das ist die Art und Weise, wie ich Weihnachten feiere.

Was war denn das schönste Weihnachtsgeschenk, das Sie je bekommen haben?

Als neun- oder zehnjähriger Junge habe ich mein erstes Fahrrad bekommen. Da habe ich mich sehr gefreut. Das war damals ja ein sehr teures Geschenk. Meinen Eltern bin ich sehr dankbar dafür, dass ich durch dadurch sehr früh schon am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen konnte und schnell meine Freunde besuchen konnte - ein Auto gab es ja in unserer Familie nicht...

Welche Bedeutung haben denn Weihnachtsgeschenke heute für Sie? Man hat den Eindruck, vielen Menschen kommt es an Weihnachten nur noch auf möglichst teure und aufwendige Geschenke an...

Geschenk: das ist ein gutes Stichwort, insbesondere da ein Unternehmen Reklame damit macht, dass Weihnachten unter dem Baum entschieden werde. Als Bischof und als Christ muss ich dieser Aussage ganz deutlich widersprechen. Denn das würde ja heißen, dass nur die Menschen, Weihnachten feiern, die sich große Geschenke leisten können. Die anderen, die sich das nicht leisten können, haben dann eben kein richtiges Weihnachten. Und wer das so sagt, der macht Schenken zum Selbstzweck.
Er vergisst, wo das gegenseitige sich Beschenken seine Wurzeln hat: Wir Christen sagen, das eigentliche Geschenk ist das Kind in der Krippe. Dieses Geschenk macht Gott dieser Welt. Er selbst wird Mensch. Er kommt zu uns. Als Erinnerung daran schenken wir einander dann auch etwas. Wenn ich einem Anderen am Heiligen Abend eine Freude mache, dann möchte ich an dieses Geschenk Gottes erinnern. Dass dies in unserer säkularen Welt etwas vergessen worden ist, bedauere ich. Wir Christen müssen das darum jedes Jahr neu in Erinnerung rufen - deswegen stehen in jeder unserer Kirchen Krippen und hoffentlich auch in jeder Familie, wo das sozusagen im Bild immer wieder angeschaut werden kann. Ich gönne den Händlern ihren Umsatz von Herzen, aber Weihnachten ist doch wahrhaftig mehr als ein Geschäft.

Gerade in Sachsen wird ja auch immer wieder um die Ladenöffnung in der Adventszeit gestritten - wie haben Sie es als "Neusachse" in diesem Jahr erlebt?

Hier in Görlitz gab es zwei Adventssonntage mit geöffneten Geschäften. Das muss ich hinnehmen - aber klar ist: Es darf nicht weiter ausufern. Gerade die Adventszeit, die eine Zeit der Stille und eine Zeit des Wartens auf Weihnachten sein sollte, wird dadurch kommerzialisiert. Ich denke manchmal: So viel Geld steht ja gar nicht zur Verfügung, dass wir von Sonntag bis Sonntag einkaufen können. Alles, was irgendwie gebraucht wird, kann auch in der Woche eingekauft werden. Manche Leute, das habe ich mir von Verkäuferinnen berichten lassen, gehen übrigens am Sonntag auch nur durch die Geschäfte und großen Märkte und nutzen das Möglichkeit zum Spaziergengehen. Ob dafür wohl so viele Menschen in unseren Geschäften arbeiten müssen…? Ich als Bischof werde niemals am Sonntag etwas einkaufen: Der Sonntag ist für mich ein heiliger Tag. Das, was ich kaufen muss, was ich brauche, kann ich auch von Montag bis Samstag kaufen.

Im katholisch geprägten Polen sind die Läden dennoch rund um die Uhr geöffnet.

Ich bin Mitglied der Kontaktgruppe der deutschen und der polnischen Bischofskonferenzen. Genau darüber haben wir uns im vorigen Gespräch dieser Arbeitsgruppe ausgetauscht. Denn die polnischen Bischöfe sind über diese Situation auch nicht glücklich. Schließlich schadet es den Familien, wenn die Eltern rund um die Uhr, speziell an Wochenenden arbeiten müssen. Aber auch in Polen tut sich etwas: Die Bischöfe von dort haben uns gesagt, dass es im Neuen Jahr eine Initiative geben wird, die vor allem von anderen gesellschaftlichen Kräften getragen wird - mit dem Ziel, die Ladenöffnung rund um die Uhr künftig wieder einzuschränken.

Nun gibt es auch in der Lausitz viele Menschen, die sich überhaupt keine Weihnachtsgeschenke leisten können. Wie können arme Menschen die Feiertage begehen?

Gerade die Caritas und andere caritative Institutionen sind sehr stark engagiert: Vielerorts gibt es Weihnachtsfeiern für Einsame, Trauernde oder Bedürftige. Da gibt es dann einen schönen Nachmittag für Menschen, die allein sind, oder die sich wenig leisten können. Das ist ganz sicher eine andere Form, Weihnachten zu feiern - aber es soll zeichenhaft deutlich machen, dass Weihnachten eben nicht von Geschenken abhängt. Und es soll dadurch deutlich werden, dass wir als Kirche diese Menschen im Blick haben. Was in Deutschland, einem reichen Land, aus dem Weihnachtsfest gemacht worden ist, ist ja weltweit gesehen ganz und gar nicht überall üblich. In sehr vielen Ländern der Erde wird das Fest ganz schlicht und viel einfacher gefeiert als bei uns.

Sie sind jetzt als Bischof etwas mehr als 100 Tage im Amt. Wie stellen Sie sich katholische Kirche in der Lausitz künftig vor?

Die Katholische Kirche wird im Bistum künftig nicht an jedem Ort präsent sein können. Wir werden künftig einzelne Gemeinden personell stärken werden, die zu Mittelpunktpfarreien, zu sogenannten Leuchttürmen werden. Ich möchte nicht, dass wir uns aus der Fläche ganz zurückziehen, aber ich möchte, dass es bestimmte Orte gibt, an denen wir besonders präsent sind. Gerade in der Lausitz und in Brandenburg wird es eine selbständige katholische Gemeinde in Zukunft nur noch in den Städten geben.

Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie Standorte aufgeben?

Ich rede nicht so gern vom "aufgeben", sondern eher davon: Die Kirche wird ihre äußere Gestalt verändern. Kleineren Gemeinden werde ich sicher in naher Zukunft keine Priester mehr schicken können. Sie müssen sich mit größeren Gemeinden zusammenschließen. Das wird schon bald, besonders im Norden unseres Bistums Wirklichkeit werden. Wir werden zum Beispiel im kommenden Jahr die beiden Cottbuser Gemeinden fusionieren - aber das hat auch einen Synergieeffekt. Da hoffe ich, dass die Menschen das nicht als Verlust sehen, sondern verstehen, dass eine größere Pfarrei mehr Möglichkeiten in sich birgt und dadurch auch eine größere Strahlkraft nach außen haben wird.

Was heißt das für kleine Gemeinden?

Kleinstgemeinden, in denen nur noch ganz wenige Gläubige zum Gottesdienst kommen, werden wir nicht erhalten können. Das ist aus meiner Sicht auch nicht heilsam. Eine Christnacht oder eine Osternacht zum Beispiel leben davon, dass viele Gläubige einen solchen Gottesdienst gemeinsam feiern und gestalten; so behält er seinen Glanz. Ein Gemeindefest kann man auch nicht richtig feiern, wenn da nur zehn Leute um den Tisch herum sitzen. Andererseits möchte ich, dass unsere Kirchen Orte des Gebets bleiben - auch ohne den Priester, zum Beispiel dadurch dass sich die Gemeinden zum Rosenkranzgebet oder einer Anbetungsstunde oder Andacht versammeln. Solche Gebetsversammlungen werden in Zukunft wichtiger werden. Ich könnte mir vorstellen, dass auch andere, die nach dem Glauben suchen, daran teilnehmen könnten.

Halten Sie von Laien geleitete Wortgottesdienste in solchen Situationen für adäquat?

Zunächst einmal ist die Heilige Messe der für uns wichtigste Gottesdienst am Sonntag. Wer ein Auto hat, für den ist es durchaus zumutbar, in die nächste Stadt zur Heiligen Messe zu fahren. Mir ist bewusst, dass auch ältere Menschen gibt, die nicht Auto fahren. Also brauchen wir auch hier und da eine andere Lösung. Darum freue ich mich darüber, dass wir in unserem Bistum ausgebildete Wortgottesdienstleiter haben. Das sind Männer und Frauen, die der Bischof beauftragt hat, eine Wort-Gottes-Feier oder Andachten zu leiten. Das ist ein großer Reichtum, und es kann durchaus sein, dass wir diese Menschen künftig mehr einbeziehen werden. Ich kann mir zum Beispiel auch vorstellen, dass in einem kleinen Ort, wo ich keinen Priester mehr hinschicken kann, eine katholische Familie oder ein Ehepaar in das Pfarrhaus einzieht. Sie könnten dort vor Ort kompetente Ansprechpartner sein für alle, die Fragen zur katholischen Kirche haben, die Glocken läuten, die Kirchen offen halten und zum Gebet einladen.

Zum Schluss noch einmal zurück zu Weihnachten: Was wünschen Sie sich denn zum Fest?

Zunächst wünsche ich allen, die sich am Heiligen Abend mit ihren Familien, mit Freunden und Nachbarn treffen, ein gutes, gesegnetes Fest. Das für mich Wichtigste ist, dass sich alle an den Grund des Weihnachtsfestes erinnern: Gott hat uns allen ein Geschenk gemacht hat, dass er ganz nahe bei den Menschen sein will. Ich habe es hier in Görlitz, als ich auf die Altstadtbrücke schaute, vor kurzem so formuliert: Gott schlägt eine Brücke zu uns, so wie die Neiße-Brücken hinüber nach Polen führen. Er überbrückt den Abstand zu uns Menschen. Dafür wünsche ich allen Menschen ein wachse Herz und viel Freude und Gemeinsamkeit mit den Menschen, mit denen Sie zusammen sind!

Danke für dieses Gespräch!