Dass in Brandenburg derzeit 66 Bahnhofs-Empfangsgebäude zum Verkauf stehen, zeigt, wie schwierig der Umgang mit den Immobilien ist. Die Stationen sind oft zu alt, zu teuer und werden häufig von zu wenigen Fahrgästen genutzt. Laut Bahn-Sprecher Gisbert Gahler wurden in den vergangenen Jahren 170 Empfangsgebäude verkauft, 19 davon an Kommunen und Gemeinden.

"Es besteht die Möglichkeit, die meist funktionslosen, ehemaligen Empfangsgebäude zu erwerben und umzunutzen", sagt Gahler auf RUNDSCHAU-Anfrage. Geschehen ist das zum Beispiel in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald). Dort betreibt der Fremdenverkehrsverband im ehemaligen Bahnhof eine Information für Touristen. In Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) haben die Stadtwerke ein Bürgerbüro eingerichtet. Geglückt ist die Umnutzung des alten Bahnhofes auch in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz). In dem historischen Gebäude liegt eine einzigartige und preisgekrönte Pension - inklusive Servicecenter mit Fahrkartenverkauf. Betreiber ist die Spreewelten GmbH, eine Tochter des kommunalen Vermieters. Dazu gibt es noch eine Gaststätte mit Imbiss für Reisende.

"So eine Umnutzung ist aber nicht immer einfach", sagt Dr. Tim Lehmann von DB International, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG. Lehmann hat zum Thema "Bahnhof der Zukunft" promoviert und seine Ergebnisse kürzlich an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus vorgestellt. Der Lehrstuhl für Eisenbahn- und Straßenwesen unter Leitung von Professor Hans-Christoph Thiel veranstaltet in regelmäßigen Abständen Kolloquien zur Verkehrsplanung und Bahntechnik. In seiner Arbeit hat Lehmann nach Alternativen zum traditionellen Bahnhofempfangsgebäude gesucht. Eine Lösung: Baukastensysteme für kleinere und mittlere Stationen.

In seiner Arbeit kommt der Bahn-Experte zu dem Schluss, dass eine Standardisierung in Größe, Grundriss, Form und Material zu einer erheblichen Kostenminderung führen würde. Denn ein kleiner Bahnhof (bis 3500 Reisende am Tag) schlägt im Jahr ungefähr mit 150 000 Euro zu Buche. Darin enthalten sind zum Beispiel Instandhaltung und laufende Kosten. In dem von Lehmann entwickelten Baukastensystem würde sich die Summe auf 100 000 Euro belaufen. "Im Schnitt würde man 30 Prozent sparen", sagt er.

Diese Stationen nach Baukastenprinzip könnten neben den historischen Empfangsgebäuden platziert werden. Je nach Größe könnte das Gebäude um Shops, Cafés und Aufenthaltsräume erweitert werden. Das rettet zwar das alte Empfangsgebäude nicht - verhindert aber eine Verwahrlosung des kompletten Bahnsteiges.

Alte Bahnhofsgebäude sind - gerade in einem Flächenland wie Brandenburg - ein großes Problem. Während es für sehr viele städtebaulichen Vorhaben Fördertöpfe gibt, ist bei den historischen Streckenhäusern nicht viel zu holen. "Häufig sind gerade kleine Orte rausgeputzt. Der Bahnhof ist verlassen und bleibt ein Schandfleck", sagt Lehmann. Experten bemängeln schon länger, dass Bund und Länder für den Ausbau der Schienenwege und den Bau von Verkehrsstationen Investitionszuschüsse bereitstellen, Städte und Kommunen mit den alten Empfangsgebäuden aber oft allein gelassen werden.

Wie schwierig eine Umnutzung ist, zeigen auch Beispiele aus der Region. So möchte beispielsweise die Kurstadt Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) in diesem Jahr mit der Hüllensanierung des Bahnhofs beginnen. In der Diskussion ist das schon seit Jahren. 400 000 Euro sind nötig, um die teilweise marode Bausubstanz zu sichern. Derzeit bemüht sich die Stadt, wenigstens Geld aus dem Topf der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) und Fördermittel aus dem Städtebauprogramm Aktive Stadtzentren zu bekommen. Wenn alles fertig ist, sollen in das Erdgeschoss des Bahnhofes einmal touristische Angebote wie Fahrradausleihe und "Bett & Bike"-Anbieter ziehen. Denn in unmittelbarer Nähe befindet sich der Eingang zum Kurpark.

Der Bahnhof Ortrand (Oberspreewald-Lausitz) wurde hingegen in privater Regie gekauft und saniert. Jetzt sind in dem historischen Gebäude Wohnungen und mehreren Arztpraxen. Ortrand wird auch bei den Wissenschaftlern am Lehrstuhl für Eisenbahn- und Straßenwesen der BTU als Vorzeigebeispiel genannt. Auch der Bahnhof in Großräschen wurde privat saniert. Jetzt befindet sich dort ein Fitness-Anbieter mit großem Gesundheitsstudio. Der Bahnhof Lauchhammer wurde von einer Investmentgesellschaft saniert. Das Gebäude sollte versteigert werden. Das ist aber misslungen.

Auch in Sachsen gestaltet sich die Weiternutzung oft schwierig. So will die Stadt Weißwasser (Landkreis Görlitz) ihren Bahnhof ausbauen. Eine Touristen-Information soll dort entstehen. Es gibt auch die Idee, dort eine kleine Ausstellung über den Designer Wilhelm Wagenfeld zu zeigen. Allerdings hat es die Stadt versäumt, das Bahnhofsgebäude rechtzeitig zu erwerben. Nun kann sich die Stadt nicht mit dem aktuellen Eigentümer, der Patron Elke S.a.r.L. aus Luxemburg, über einen Verkaufspreis einigen. An dem Gebäude nagt der Zahn der Zeit. Kaputte Scheiben, Müll, löchrige Regenrinne - das Haus bleibt vorerst ein Schandfleck.

Der RUNDSCHAU-Bahnhoftest: Welcher regionale Bahnhof ist am besten ausgestattet und liefert gute Fahrplaninformationen? Mehr dazu unter www.lr-online.de/bahnhofstest

Zum Thema:
In Brandenburg gibt es zwei Bahnhöfe der Kategorie 2, zwölf der Kategorie 3, 19 der Kategorie 4, 50 der Kategorie 5, 186 in der Kategorie 6 und 94 in der Kategorie 7. Die Klassifizierungen zeigen, wie viele Reisende den Bahnhof nutzen. Wobei Klasse 1 ein Drehkreuz, Klasse 7 ein Haltepunkt ist.