Seit neun Monaten nun führt er sein Land durch Finanz- und Koalitions-Krisen, muss sich wehren gegen Konjunkturflaute und SPD-Müdigkeit und versucht dabei, den Menschen Matthias Platzeck mit dem Ministerpräsidenten Matthias Platzeck in Einklang zu bringen.

Der Potsdamer hatte Zeit, sich einzustellen auf seine Aufgabe als Landesvater. Manfred Stolpe hatte ihn schon früh zum Kronprinzen gekürt – und dann im Juni 2002 für die Öffentlichkeit völlig überraschend seinen Stuhl für Platzeck geräumt. Das neue Amt – wie sehr hat es den Menschen und Politiker verändert? Gelingt es Platzeck, aus dem Schatten seines Vorgängers zu treten, sich in das Korsett der endlosen Verpflichtungen zu zwängen und bei all dem Matthias Platzeck zu bleiben? Kann er sich die Lust am politischen Handeln bewahren? Seine entspannten Gesten, sein Lächeln, sogar seine Sekretärin hat er vom OB-Büro in die Staatskanzlei hinübergerettet. Und doch ist etwas hinzugekommen, das vorher nicht sichtbar war: gehetzte Sätze, Ungeduld im Blick und manchmal Ratlosigkeit. Klare Antworten gibt der Mann auf Fragen nach seiner Lebenssituation – und verkehrt eben jene Antworten Minuten später in ihr Gegenteil. Die Wege sind länger geworden, die Zeit zum Schlafen knapper, sagt der Genussmensch Platzeck. Erzählt, dass ihm nicht alles fremd sei in seinem neuen Job, vieles ist vertraut aus seiner Zeit als Minister. Er mühe sich, Bodenhaftung zu bewahren, nicht abzugleiten in eine abgeschirmte, eine künstliche Welt.

In den ersten sechs Wochen meiner Amtszeit habe ich alle 18 Kreise des Landes bereist, unheimlich viele Menschen getroffen, sagt er. Und fährt fort: Für meine Mitarbeiter ein Wahnsinn – weil jede Kreisbereisung akribisch vorbereitet wird. Man will ihn wohl nicht in Fallen laufen lassen . . . Er freue sich, dass die Brandenburger nicht mehr in Ehrfurcht erstarren, wenn ein leibhaftiger Ministerpräsident vor ihnen steht. Die reden schon Klartext mit mir. Aber bei der Frage, was denn seine eigenen Leute von ihm halten, zuckt er die Achseln: Härter im Umgang sei er wohl und ungeduldiger als Manfred Stolpe. Ob er manchmal wütend ist auf seinen Vorgänger, der ihm leere Kassen und problembehaftete Großprojekte hinterlassen hat? Eine Frage, bei der Platzeck sich wieder auf sicherem Boden befindet. Stolpe, den schätzt er bis heute, das macht er deutlich. Listet Erfolge auf von 40 oder 50 Großprojekten, wirklichen Großprojekten, die fast alle gut gelaufen sind. Ohne BASF, Eco, MTU oder Rolls-Royce wäre die Arbeitslosigkeit in Brandenburg doppelt so hoch.

Stolpe musste Risiken eingehen, um überhaupt etwas zu bewegen. Er sei es gewesen, der den Brandenburgern eine Identität gegeben habe. Vorher gab es doch überhaupt kein Gefühl für dieses Land. Stolpe, der jetzige Präsident Ost, hat sich als Identitätsstifter um Brandenburg verdient gemacht. Wie möchte denn nun sein Nachfolger wahrgenommen werden? Ist mir wurscht, sagt er ungeduldig, freut sich dann aber doch sichtlich, dass er in aktuellen Umfragen vor Innenminister Schönbohm und PDS-Chef Christoffers liegt. Er, dem noch immer der Ruf des ewigen Sonnyboys anhaftet, scheint sich inzwischen auch bei seinen Gegnern als ernstzunehmender Machtpolitiker durchgesetzt zu haben. Wobei es ihn wundert, dass sich die anderen wundern. Wer wie er 14 Jahre in diesem Geschäft sei, der müsse sich doch Techniken zur Machtgestaltung aneignen. Und es ist klar, dass es dabei nicht immer freundlich zugeht. Auch Visionen habe er, obwohl ihm genau diese immer wieder abgesprochen werden. In der Hochtechnologie und in der Forschung sieht er die Zukunft Brandenburgs. Zusammen mit Berlin muss sich das Land zu einem Wissenschaftsstandort entwickeln.

Pure Fertigung können irgendwann andere besser leisten, da werden uns Länder wie Ungarn, Polen oder Tschechien voraus sein. Aber das Fachwissen, das muss hier seinen Platz haben. Gerade deshalb seien die Hochschulen des Landes von den aktuellen Sparplänen ausgenommen. Wenn wir rund um die Universitäten hochmoderne, anspruchsvolle Arbeitsplätze ansiedeln, dann werden von dort aus auch Aufträge tief in die Regionen hinein vergeben. Nur wer gut verdient, kann Friseure bezahlen, Handwerker, Restaurantbesuche. Für jene allerdings, die schon heute zu alt sind oder unterqualifiziert, für die hat auch Platzeck keine Patentlösung in der Tasche. Er sei nicht Jesus, könne nicht auf jede Lebensfrage eine Antwort liefern. Politik, das ist doch der andauernd fortgesetzte Versuch, die Lage zu verbessern. Mit Unfertigem, so sagt er, müsse man leben, sich nicht von Resignation anstecken lassen, vor allem auch dorthin schauen, wo es funktioniert mit dem Aufbau Ost. Ich kann als Ministerpräsident nicht nur zu den Firmen fahren, denen es schlecht geht. Ich schau mir auch die an, die Erfolg haben. Denn von denen können wir lernen.

Begeistert zählt er Beispiele auf von gelungenen Allianzen zwischen Handwerk und Wissenschaft, von Firmen, die international bestehen. Dass es zu wenig sind, muss ihm niemand mehr vorrechnen. Während seiner Zeit als Oberbürgermeister, da saßen die Unzufriedenen, die zu kurz Gekommenen bei ihm vor der Tür. Mit Butterbrot und Thermoskanne kamen die Leute und warteten einfach, bis sie mich erwischten. Heute, wo niemand mehr ungehindert zu seinem Dienstzimmer vordringen kann, sei eine andere Abstraktionsebene erreicht. Die Akten sehe ich noch, aber nicht immer die Menschen, die zu diesen Akten gehören. Am Wochenende, während der Halbzeit im Fußballstadion oder einer Konzertpause, da kommen die Leute dann auf ihn zu, reden über ihre Probleme. Probleme, die dem Ministerpräsidenten manchmal so mächtig erscheinen, dass er abends denkt: Jetzt hab ich die Schnauze voll. Morgens aber hat er dann doch immer wieder Spaß an seinem Job. Und das hat sich zumindest nicht geändert, seit aus Matthias Platzeck ein Ministerpräsident geworden ist.