„Ich habe in Afghanistan Sachen gesehen,
die Kinder besser
nicht sehen sollten.“
 Abdul Hamid Afghan


Als Abdul Hamid Afghan das Café im Zentrum Senftenbergs betritt, wirkt er wie einer der vielen Studenten, die die Pausen zwischen den Vorlesungen nutzen, um schnell Mittag zu essen. Gel im Haar, buntes T-Shirt, Jeans - auf den ersten Blick erkennt niemand, welchen Ballast der 23-Jährige täglich mit sich trägt. Den gebürtigen Afghanen plagt die Angst vor der Zukunft. Er steht an der Schwelle zum Nichts. Denn er ist von Amts wegen nur noch geduldet in Deutschland. „Sechs Monate sind mir erst einmal wieder bewilligt worden“ , erzählt er in nahezu akzentfreiem Deutsch. Das Verwaltungsvokabular beherrscht er - wie wenige in seinem Alter. Afghan ist seit sieben Jahren Asylbewerber. „Mein Vater war Regierungsbeamter, als die Taliban die Herrschaft in Afghanistan übernommen haben. Das war auch für mich gefährlich“ , sagt er mit ernster Miene. Er hat bisher nur wenigen Menschen Einzelheiten seiner Geschichte erzählt. Er hat Bedenken, sein Gegenüber damit zu überfordern. „Für die meisten deutschen Jugendlichen ist meine Geschichte völlig unglaublich“ , so der 23-Jährige. „Aber ich habe sie erlebt - und auch überlebt.“
Begonnen hat seine Flucht im Jahr 2001. „Wir wohnten in einem Dorf. Eines Tages hat mich mein Onkel geschnappt und gesagt, dass ich hier weg müsste“ , sagt Abdul Hamid Afghan. Der Rest seiner Familie blieb zurück, Vater, Mutter und die sechs Geschwister. Die Taliban hätten überall Jagd auf Jugendliche gemacht, um sie als Soldaten in den Krieg zu schicken. „Mein Onkel hat Schleuser beauftragt und viel Geld bezahlt, um mich aus dem Land zu bringen“ , erzählt der junge Mann, der ab September die zwölfte Klasse am Senftenberger Gymnasium wiederholt. Das Abitur ist das Ziel. Ohne einen Moment Zeit zum Überlegen begann für den damals 16-Jährigen eine Irrfahrt über Kontinente: „Wir sind über Pakistan rausgekommen. So viel weiß ich. Über den genauen Weg dürfen wir nicht sprechen.“ Auch über Einzelheiten möchte er nicht reden: „Ich habe in Afghanistan Sachen gesehen, die Kinder besser nicht sehen sollten“ , sagt er. Diese Bilder verfolgten ihn noch heute in seinem Träumen.
Das Ziel hieß schließlich Berlin-Schönefeld. Neben dem Flughafen endete die letzte, stundenlange Autofahrt. „Nachdem ich einige Zeit auf einem Bahnhof gesessen hatte und nicht wusste, wo ich bin und an wen ich mich wenden soll, habe ich auf Englisch nach der Polizei verlangt.“ Es war der Anfang seiner Zeit als Asylbewerber. Von Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) wurde er nach Sedlitz (Oberspreewald-Lausitz) verlegt. Dort und im Asylbewerberheim in Bahnsdorf wohnte er mehr als fünf Jahre. Seit Anfang dieses Jahres lebt er in seiner ersten eigenen Wohnung in Senftenberg. Der Kontakt zu seiner Familie ist vor einigen Jahren abgerissen. Wo sie sich befindet oder ob Vater, Mutter und Geschwister noch leben: Abdul Hamid Afghan weiß es nicht.
Der junge Mann, der von europä ischer Kultur mehr gelernt hat, als er sich je hatte träumen lassen, will in Deutschland bleiben, sieht seine Zukunft nicht im Land seiner Vorfahren. „Inzwischen habe ich eine ganz andere Mentalität, bin viel offener geworden“ , sagt er und hegt Zweifel, ob er mit seinem „neuen Ich“ im alten Land zurechtkommen könnte. Er hat einen Asylantrag gestellt. Doch dieser ist im August vergangenen Jahres abgelehnt worden. Dem heute 23-Jährigen ist es laut Begründung zuzumuten, wieder nach Afghanistan zurückzukehren. Leib und Leben seien nicht mehr in Gefahr.
In Brandenburg sind laut Innenministerium in diesem Jahr 361 Asylanträge gestellt worden, 45 davon sind Folgeanträge. Im vergangenen Jahr waren es 669 Anträge. Die Anzahl der Beantragungen ist in den Jahren 2004 bis 2007 kontinuierlich gesunken (siehe Hintergrund). Dieser Trend ist auch im Freistaat Sachsen erkennbar. Im Vergleich der Jahre 2004 bis 2006 hat sich die Anzahl der Antragstellungen halbiert. In diesem Jahr sind in Sachsen bis Ende Juni 661 Asylanträge gestellt worden, davon 120 Folgeanträge.
Abdul Hamid Afghan hofft nun auf die Hilfe seines Anwalts, der für ihn den Sachverhalt genau unter die Lupe nimmt. Von seinen 300 Euro Sozialleistungen im Monat - eine Arbeitserlaubnis hat er nicht - könnte sich der junge Mann diesen niemals leisten. Er wird über Spenden finanziert. Als der Senftenberger Landtagsabgeordnete Gerd-Rüdiger Hoffmann (Linke) von Afghans Schicksal erfuhr, schaltete er sich ein. „Unsere erste Maßnahme war, Herrn Afghan einen Anwalt zu besorgen“ , so Hoff mann. Für den 56-Jährigen ist dies nicht das erste Mal, dass er sich für einen Asylbewerber einsetzt. „Wir glauben daran, dass sich in diesem Fall die menschliche und rechtliche Komponente zusammenbringen lassen“ , sagt er. Das heißt: Er hofft weiterhin auf eine Lösung, die es dem Afghanen erlaubt, in Deutschland zu bleiben.
In der Region in und um Senftenberg hat sich Abdul Hamid Afghan nach nahezu sieben Jahren eingelebt. Er spielt bei Blau-Weiß Sedlitz Fußball und trainiert regelmäßig eine Gruppe Kinder. Viele von ihnen sind wie der Afghane ausländischer Herkunft. Sein Steckenpferd ist allerdings die Schauspielerei. Am Theater Neue Bühne in Senftenberg war er für einige Zeit im Jugendclub aktiv. Zurzeit probt er für eine Inszenierung im „Bikinihaus am Zoo“ in Berlin. In dem Stück zieht Heidi aus den Schweizer Bergen in die Berliner Innenstadt. Dabei fehlen wie auch im Original Clara, Peter und dessen Ziegen nicht. Der 23-Jährige spielt eine Ziege. Es ist nicht seine Traumrolle, aber immerhin ein Anfang.
In den Ferien ist Afghan selten in seiner Senftenberger Wohnung. „Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen. Ich kannte das bislang nicht, dass jemand alleine lebt“ , erzählt er. Zudem hat er Angst, dem Staat schutzlos ausgeliefert zu sein. Zu oft seien schon Geschichten im Umlauf gewesen, dass Behörden abgelehnte Asylbewerber nachts oder am frühen Morgen aufgesucht und mitgenommen haben, um sie in einen Flieger Richtung Heimatland zu setzen, sagt er.
Über die Frage, was er in Afghanistan tun soll, falls er nicht in Senftenberg bleiben darf, zermartert sich Abdul Hamid Afghan regelmäßig den Kopf. „Es gibt dort kein Sozialsystem wie hier. Zwar heißt es, die Hilfsorganisationen würden sich um die Rückkehrer kümmern“ , sagt er und hält inne. „Aber inzwischen sind Millionen Flüchtlinge aus den Nachbarländern zurückgekehrt. Viele bekommen keine Hilfe.“ Zu seiner Familie zurückkehren, wenn er sie überhaupt wiederfinden würde, kann er seiner Ansicht nach nicht: „Mein Vater würde nie akzeptieren, wie ich heute bin. Er würde mich für einen Ungläubigen halten. Ich wäre aus der Gesellschaft ausgeschlossen.“ Eine Alternative für den 23-Jährigen wäre, seine Englisch- und Deutschkenntnisse zu nutzen und für die Hilfsorganisationen zu arbeiten: „Wobei: Ich brauche dann eigentlich selbst Hilfe“ , sagt er kon sterniert. „Da drüben wäre ich ganz auf mich allein gestellt.“

Hintergrund Asylbeantragung in Brandenburg und Sachsen
Die Anzahl der gestellten Asyl- und Asylfolgeanträge hat in den vergangenen Jahren in Brandenburg und Sachsen stark abgenommen.
Statistik Brandenburg:
2004: Asylanträge: 1575; davon Erstanträge: 1335, Folgeanträge: 240
2005: Asylanträge: 1027; davon Erstanträge: 799, Folgeanträge: 228
2006: Asylanträge: 823; davon
Erstanträge: 695, Folgeanträge: 128
2007: Asylanträge: 669; davon
Erstanträge: 558, Folgeanträge: 111
Statistik Sachsen:
2004: Asylanträge: 2746; davon Erstanträge: 2223, Folgeanträge: 523
2005: Asylanträge: 1826; davon Erstanträge: 1323, Folgeanträge: 503
2006: Asylanträge: 1500; davon Erstanträge: 1103, Folgeanträge: 397
2007: Asylanträge: 1475; davon Erstanträge: 941, Folgeanträge: 534
Anerkannte Asylanträge 2004-2007:
Brandenburg: 30; Sachsen: 74
Abgelehnte Asylanträge 2004-2007:
Brandenburg: 2954; Sachsen: 5820