Wallace, Louisiana. Die milchweiße Kirche, Lehmfiguren von Kindersklaven in den Gängen, hat Cummings aus einem Dorf namens Paulina über den Mississippi bringen lassen. Zerlegt in Einzelteile. In der kleinen Holzkirche beginnen sie, die Touren über die Whitney Plantation, eine frühere Plantage, erst Indigo, dann Zuckerrohr, aus der Cummings ein Freilichtmuseum gemacht hat. Es riecht nach feuchter, fruchtbarer Schwemmlanderde. Überall weiße Zäune, überall Bretterbuden. Unten am Fluss, durch einen hügelhohen Uferdamm vom Fluss getrennt, beschatten mächtige Eichen das cremefarbene Herrenhaus. "The Big House": Schaukel stühle auf der Veranda, ein Traum wie aus einer Broschüre über den alten, beschaulichen Süden.

In Sichtweite der Villa will Cummings dunkle Tonköpfe auf Pfähle spießen lassen, in Erinnerung an die mehr als hundert Sklaven, die sich 1811 gegen ihre Herren auflehnten. Die Rebellion an der "German Coast" - der Name geht zurück auf die deutschen Einwanderer, die dem Landstrich am Mississippi ihren Stempel aufdrückten - endete mit blutiger Revanche. Die meisten Aufständischen wurden standrechtlich erschossen, ihre Köpfe zur Abschreckung auf Stangen zur Schau gestellt. "So war es", sagt Cummings. "Und so muss man es zeigen. Auch wenn es manchen verstört."

John Cummings ist 78, ein Jurist mit irischen Wurzeln, ungemein redegewandt und sehr erfolgreich in Schadenersatzprozessen, bei denen es in Amerika schnell um Milliarden geht. Es ist nicht so, dass er ein halbes Leben lang an dem Plan gefeilt hätte, das erste Sklavereimuseum der USA zu gründen. Vielmehr war es ein spontaner Entschluss, basierend auf einer Laune des Zufalls.

Der Mann hat schon immer gern Immobilien gekauft von dem Geld, das er mit seiner Kanzlei verdiente, "was immer mir Uncle Sam und der Barkeeper übrig ließen", scherzt er unter Anspielung auf die Steuerbehörde und die legendäre, verklärte irische Schwäche für Guinness und Whisky. Als Ende der 90er die ehemalige Whitney-Plantage zu haben war, griff er zu. Ein Chemiefaserkonzern hatte auf dem Gelände, eine Autostunde flussaufwärts von New Orleans, eine Viskosefabrik bauen wollen, dann aber einen Rückzieher gemacht. Mit dem verwilderten Areal erwarb Cummings eine Studie über dessen Geschichte - acht Bände, darin seitenfüllende Übersichten mit den Namen von Sklaven. Bei jedem Besitzerwechsel waren sie aufgelistet und bewertet worden, als handelte es sich um Inventar. "Lady, 30, Feldarbeiterin, fünf Kinder, alle zusammen 2650 Dollar." "Honoré, 30, genesen vom Leistenbruch." "Bernard, 50, Tobsuchtsanfälle." "Azor, 11, Hausdiener, 725 Dollar." Als er das gelesen hatte, konnte er nicht länger nur Passant sein, sagt Cummings. "Ich wollte wissen, warum ich von alledem nichts gewusst hatte. Wieso stand das nicht auf dem Lehrplan?"

Cummings‘ voller Bariton dröhnt durch die Kirche, jedes Wort ein Paukenschlag, als wäre dies ein Gerichtssaal, als müsste er gegen einen schludrigen Hersteller klagen. Die Antwort auf seine Fragen, sie lautet: Hass. "Hass auf die Schwarzen, weil sie 1865 mit dem Ende des Bürgerkriegs frei waren. Deshalb das Schweigen."

Ibrahima Seck hat aus den Archiven im Senegal und in Louisiana zusammengesucht, was er über die Whitney Plantation finden konnte. Seck forschte an der Universität Dakar, ehe er, gesponsert von Cummings, nach New Orleans übersiedelte. Die Idealbesetzung für so ein Museum, denn erstens stammte das Gros der Sklaven Louisianas aus Westafrika, und zweitens war Louisiana bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Kolonie Frankreichs, sodass man wie Seck Französisch können muss, um die alten Akten lesen zu können. Kapitel um Kapitel hat der Historiker die Chronik der Plantage geschrieben, angefangen bei Ambroise Haydel, ursprünglich Heidel, 1721 aus der Nähe von Würzburg an den Mississippi gekommen, angeworben von der Compagnie d'Occident, die in halb Europa nach Siedlern suchte. Einer seiner Urenkel, Jean-Jacques Haydel, versteigerte 1840 sämtliche Sklaven, da er Geld brauchte. Nach dem Bürgerkrieg wurde das Gut an einen gewissen Bradish Johnson verkauft, der es nach seinem Enkel Harry Whitney benannte. Was Cummings und Seck mehr interessiert: Wurde ein entlaufener Sklave gefangen, brannte man ihm das Lilienwappen Louisianas auf eine Schulter und schnitt ihm die Ohren ab. Ein zweiter Fluchtversuch zog ein Lilienbrandmal auch auf der anderen Schulter nach sich, außerdem wurde die Achillessehne durchtrennt. Ein dritter bedeutete den Tod.

Montgomery, Alabama, Commerce Street 122. Das backsteinrote Gebäude, in dem Bryan Stevensons Schreibtisch steht, war einmal ein Sklavendepot, in dem die menschliche Ware eingesperrt wurde, bis man sie auf einem Platz an der Commerce Street versteigerte. Stevenson hat seine "Equal Justice Initiative" (EJI), eine Organisation von Juristen, bewusst dort angesiedelt. Nach dem Studium in Harvard war er in den Süden gezogen, und zufällig kam der erste Mandant, den er vor der Hinrichtung bewahrte, aus Monroeville, der Kleinstadt, der Harper Lee zu literarischem Weltruhm verhalf. In Monroeville spielt ihr Roman "Wer die Nachtigall stört".

Über Mangel an Kundschaft kann der Anwalt Stevenson nicht klagen. Selbst Anhänger des Ku-Klux-Klan, erzählt er mit ironischem Grinsen, hätten ihn schon eingeschaltet, als sie einen guten Rechtsbeistand brauchten. Ihn, den Urenkel von Sklaven. Was sich in seiner Familie an Dramen abgespielt haben muss, begann er an dem Tag zu erahnen, an dem ihn seine Großmutter bat, mit ihr über einen Acker zu einem Holzschuppen zu laufen. Irgendwo in Virginia. Beide im besten Sonntagsstaat. In dem Schuppen, erfuhr Stevenson, wurde sein Urgroßvater geboren. Noch in der Schule, sagt er, habe er ein großes Geheimnis daraus gemacht, dass er von Sklaven abstamme. "Und heute rede ich die ganze Zeit darüber."

Sklaverei, doziert Stevenson, habe es auch anderswo gegeben, in Europa, Asien und Afrika. Doch erst in Amerika wurde daraus ein System, "erst wir haben das zu einem Dauerzustand gemacht, etwas, was auf die nächste Generation vererbt wird". "Und als wir die Sklavereigesellschaft zu Grabe trugen, haben wir uns gehütet, dem großen Übel auf den Grund zu gehen." Im Übrigen sei die Sklaverei nicht wirklich passé gewesen mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung, den Abraham Lincoln gegen hartnäckigen Widerstand im Kongress durchsetzte. Sie sei fortgeschrieben worden im Süden, mit anderen Mitteln, den Mitteln rassistischen Terrors. Nur dass die Terroristen brave Bürger waren - Banker, Lehrer, Ärzte. Ganze Gemeinden hätten sich nichts dabei gedacht, bei Lynchmorden zuzuschauen, "diesen Spektakeln öffentlichen Folterns von Schwarzen". "Und dann haben wir Menschen mit dunkler Haut über Jahrzehnte erniedrigt: Ihr seid nicht gut genug für die High School, für die Uni, ihr seid gefährlich, weshalb Polizisten nun mal schneller die Waffe ziehen." Mit den Langzeitfolgen der Sklaverei müsse sich das Land noch auseinandersetzen. Am besten beginne man, indem man die ganze Geschichte erzähle, nicht nur die halbe.

Fünf Jahre hat das EJI zuletzt damit verbracht, 3959 Lynchmorde zu dokumentieren, begangen zwischen 1877 und 1950 in zwölf Südstaaten. Es gibt kaum eine Gedenktafel, die das ins Gedächtnis ruft. Stevenson will das ändern, eine steht schon bereit, demnächst soll sie in Brighton im Norden Alabamas aufgestellt werden. Sie erinnert an William Miller, der sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Kohlegruben einsetzte und unter fadenscheinigen Vorwänden verhaftet wurde. Im August 1908 holten ihn weiße Männer nachts aus seiner Zelle, um ihn im Wald zu töten. Stevenson will erreichen, dass in jedem Ort, in dem seine Tafeln aufgestellt werden, die lokale Polizeitruppe antritt, um sich zu entschuldigen. "Es wäre Aufgabe der Ordnungshüter gewesen, diese Menschen zu schützen."

Zum Thema:
Als die ersten Afrikaner in die britischen Kolonien in Nordamerika gebracht wurden, 1619 nach Jamestown in Virginia, galten sie rechtlich als "Diener". 1807 untersagte der US-Kongress zwar den transatlantischen Sklavenhandel, doch der inneramerikanische kam nach dem Verbot erst richtig in Fahrt. In dem Maße, wie weiße Siedler aus Bundesstaaten wie North Carolina, Kentucky und Virginia nach Alabama, Louisiana oder Mississippi zogen, um dort Baumwolle und Zuckerrohr anzubauen, wurden verstärkt Sklaven in den tiefen Süden gebracht. Lebten etwa in Alabama 1820 rund 40 000 Sklaven, so waren es 1860 bereits 435 000. Im Januar 1865 beschloss das Parlament in Washington mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung die Abschaffung der Sklaverei. Es dauerte bis zum 6. Dezember desselben Jahres, ehe die nötige Dreiviertelmehrheit der Bundesstaaten das 13th Amendment ratifiziert hatte. Zwölf Tage darauf trat es offiziell in Kraft. Mississippi ließ sich, als letzter der US-Staaten, mit der Ratifizierung bis 1995 Zeit.