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Amerikanische Bomben töten in Afghanistan neun Kinder

Das Bedauern des US-Botschafters Zalmai Khalilzad in Kabul war sicherlich aufrichtig gemeint, doch viel nützen wird es wohl nicht. Dass die US-Luftwaffe bei einem angeblich gut vorbereiteten Bombenangriff auf einen Taliban-Kommandeur am Samstag neun Kinder tötete, wird dem Image der schon jetzt in großen Teilen der afghanischen Bevölkerung unbeliebten Amerikaner weiter schaden. Von Can Merey

Während Kabul sich auf die Loja Dschirga (Große Ratsversammlung) vorbereitet, die nach fast 25 Jahren Krieg und Bürgerkrieg eine neue Verfassung für das Land verabschieden soll, erlebte Afghanistan ein blutiges Wochenende.
Immer wieder werden Unschuldige Opfer von US-Angriffen, was den Amerikanern bei manchen am Hindukusch den Ruf einer schießwütigen Cowboy-Truppe einbrachte. So wurden vor drei Wochen nach afghanischen Angaben sechs Zivilisten bei einem amerikanischen Bombardement getötet - auch unter diesen Opfern waren Kinder. Bei einem Angriff von US-Kampfflugzeugen im September starben afghanischen Angaben zufolge acht Nomaden-Frauen. Zum schwersten Vorfall kam es im Juli vergangenen Jahres, als US-Bomben eine Hochzeitsgesellschaft trafen: 48 Menschen wurden getötet und 117 verletzt.
Offen blieb gestern, wieso die technisch und militärisch hochgerüsteten US-Streitkräfte auch den jüngsten tragischen Vorfall nicht verhindern konnten. Die anhaltenden US-Angriffe und Militäroperationen lassen jedenfalls Zweifel an der Aussage von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aufkommen, der im Mai das Ende der größeren Kampfhandlungen in Afghanistan erklärt hatte - möglicherweise etwas voreilig, wie es inzwischen scheint.
Seit August starben bei Kämpfen und Anschlägen rund 400 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten. Und diese Zahl wächst beinahe täglich.
Die USA reagieren mit Gegengewalt auf die Gewalt der radikalislamischen Rebellen am Hindukusch, die in jüngster Zeit wieder zugenommen hat. Die Regierungen in Washington und Kabul mögen zu Recht überzeugt davon sein, dass die Taliban in Afghanistan nicht mehr an die Macht zurückkommen werden - dafür dürften die meisten Afghanen ihre neuen Freiheiten zu sehr schätzen. Doch den Rebellen gelingt es, das Land mit ihren Angriffen zu destabilisieren.
Längst sind es nicht mehr nur abgelegene US-Stellungen, die im Schutze der Nacht attackiert werden. Immer wieder schlagen Rebellen wie die Ta-
liban mitten in Städten zu, oft am helllichten Tage. Am Samstagmittag zündeten mutmaßliche Taliban-Kämpfer auf einer belebten Geschäftsstraße in der südafghanischen Stadt Kandahar eine Bombe, 18 Zivilisten wurden verletzt - möglicherweise war das eigentliche Ziel eine US-Patrouille. Rumsfeld war am Donnerstag erst zwei Stunden aus Kabul abgereist, als trotz schärfster Sicherheitsvorkehrungen eine Rakete nahe der dortigen US-Botschaft einschlug.
Die Vereinten Nationen stellten einen Teil ihrer Arbeit im Süden und Osten des Landes nach dem Mord an einer französischen Mitarbeiterin ein. Noch vor dem jüngsten Anschlag in Kandahar hatte die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" angekündigt, sich aus Sicherheitsgründen aus der Stadt zurückzuziehen. Damit dürften die Taliban eines ihrer Ziele erreichen. Wo sich die Menschen von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlen, wächst die Gefahr, dass sie sich den radikalislamischen Rebellen zuwenden - und US-Angriffe, bei denen Kinder sterben, dürften dazu auch beitragen.