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| 01:04 Uhr

Amerikaner haben Angst vor einem zweiten Mogadischu

Kindersoldaten in Liberia: Sie stehen loyal zu Präsident Charles Tayler.
Kindersoldaten in Liberia: Sie stehen loyal zu Präsident Charles Tayler. FOTO: Foto: dpa
Das Trauma von Mogadischu lebt fort. Vor zehn Jahren endete die erste US-geführte Friedensmission in Afrika in einem Debakel. Von Daniel Jahn

18 amerikanische Elitesoldaten wurden in einer wilden Straßenschlacht getötet, die Leichen einiger GIs vor laufenden Kameras durch den Dreck geschleift - die blutige Episode, die zum Abzug der US-Truppen aus Somalia führte, wurde erst im vergangenen Jahr durch den Film "Black Hawk Down" der US-Öffentlichkeit ins Gedächtnis gerufen. Die Erinnerung an Mogadischu hat dazu beigetragen, dass die US-Regierung mit der Entsendung von US-Truppen nach Liberia so lange zögert.

Bush geht auf Afrika-Reise
Wenige Tage vor der Afrika-Reise von Präsident George W. Bush scheint die neue US-Mission aber nun im Prinzip beschlossen zu sein. Die US-Soldaten könnten eine ansonsten vor allem von westafrikanischen Staaten gestellte Truppe anführen, die den Waffenstill-stand kontrollieren soll. Nach Berichten der US-Medien soll die Stärke des US-Kontingents zwischen 500 und 2000 Soldaten liegen. Besonders das Pentagon blickt dem Einsatz mit Bauchschmerzen entgegen. Die US-Militärs würden von der Erinnerungen an Somalia verfolgt, sagten Regierungsbeamte der "New York Times". Auch sind die Kapazitäten der US-Armee mit mehr als 200 000 Soldaten am Persischen Golf und 10 000 Soldaten in Afghanistan bereits stark ausgelastet.
Und im Irak zeichnet sich angesichts der fast täglichen Angriffe auf US-Einheiten immer deutlicher ab, dass der Erfolg der Aktion noch lange nicht gesichert ist - im Kongress gibt es bereits Forderungen, die Besatzungstruppe deutlich aufzustocken.

Historische Verantwortung
Doch bei Ablehnung des Afrika-Einsatzes hätte Bush, der stets den "moralischen" Charakter der US-Außenpolitik betont, ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Denn sein Land trägt historische Verantwortung in Liberia, das im 19. Jahrhundert von freigelassenen US-Sklaven gegründet wurde und danach in starker Abhängigkeit von den USA blieb - bis in die Zeiten des Kalten Krieges, als Washington das Land als Basis für verdeckte Aktionen nutzte.
In den vergangenen Tagen war denn auch der internationale Druck auf Washington gewachsen: Großbritannien, Frankreich wie auch UN-Generalsekretär Kofi Annan benannten die USA als die Macht, die in dem seit Beginn der 90er-Jahre vom Bürgerkrieg zerstörten Land Ordnung herstellen soll. Der Handlungsdruck wurde durch Bushs anstehende Afrika-Reise erhöht. Am Montag startet der US-Präsident zu einer Blitztour durch fünf Länder: Senegal, Südafrika, Botsuana, Uganda und Nigeria. Während der Tour will er seinen "mitfühlenden Konservativismus" demonstrieren und den Akzent unter anderem auf sein angekündigtes Programm gegen Aids im Volumen von 15 Milliarden Dollar (rund 13 Milliarden Euro) sowie die Aufstockung der US-Entwicklungshilfe legen; die Gelder für beide Vorhaben sind allerdings vom Kongress noch nicht bewilligt.
Ein Nein zum Liberia-Einsatz würde die Glaubwürdigkeit von Bushs feierlichen Bekenntnissen zu "Frieden" und "Wohlstand" in Afrika unterhöhlen: "Wir sehen dann aus, als ob wir in Afrika mehr reden als handeln", meint der frühere US-Botschafter in Nigeria und Südafrika, Princeton Lyman.
Ein Militäreinsatz in Liberia ist nach Ansicht mancher Experten durchaus auch im eigenen amerikanischen Interesse. Im Rahmen der Kampagne gegen den Terror hat der afrikanische Kontinent für die USA an strategischer Bedeutung gewonnen. In Liberia könnte ein weiterer Zerfall der staatlichen Ordnung das Terrain dafür bereiten, dass Terrororganisationen wie Al Qaida dort neuen Unterschlupf finden, meint Reed Kramer von der Internetpublikation "allAfrica.com".

Einsatzrisiken begrenzen
In Washington wurde in den vergangenen Tagen das Bemühen deutlich, die Risiken des Liberia-Einsatzes von vornherein zu begrenzen. Gleich mehrfach forderte Bush den liberianischen Präsidenten Charles Taylor auf, ins Exil zu gehen. Bush hätte es wohl am liebsten, wenn Taylor geht, bevor die US-Truppen kommen - ein Wunsch, den ihm der liberianische Staatschef kaum erfüllen wird. Auch soll der Einsatz in dem westafrikanischen Land nach Informationen der US-Medien auf einige Monate begrenzt werden. Die Furcht vor einem zweiten Mogadischu bleibt dennoch. Liberia könnte "zu einer chaotischen Operation werden", so Gayle Smith, Afrikaexpertin am Brookings-Institut in Washington.