Eine Entscheidung, ob Bildungsministerin Schavan (CDU) wegen der Aberkennung ihres Doktortitels zurücktreten muss, wird möglicherweise am Wochenende fallen.

Regierungssprecher Steffen Seibert deutete am gestrigen Mittwoch an, dass Kanzlerin Merkel sich dann mit der Ministerin "in aller Ruhe" über das weitere Vorgehen beraten will. Schavan ist zurzeit auf einer Dienstreise in Südafrika und kehrt Freitagabend zurück; Merkel ist bis Freitagnacht beim EU-Gipfel in Brüssel.

Vorerst hält die Kanzlerin zu ihrer langjährigen politischen Freundin.

Angela Merkel habe "volles Vertrauen" in Schavan und schätze ihre politische Leistung außerordentlich, sagte Seibert. Man habe Verständnis, dass die Ministerin gegen den Beschluss des Düsseldorfer Fakultätsrates klage und damit ein geordnetes rechtliches Verfahren in Gang setze. Weitere Kommentare werde man nicht abgeben. Schavan selbst war in Johannesburg gestern ähnlich wortkarg. Sie wiederholte, was ihre Anwälte schon am Vorabend verkündet hatten, nämlich dass sie juristisch gegen den Beschluss vorgehen werde, ihr den Doktortitel wegen "systematischen und vorsätzlichen" Plagiierens in ihrer Dissertation aus dem Jahr 1980 abzuerkennen.

"Diese Entscheidung werde ich nicht akzeptieren und dagegen klagen", sagte Schavan. Auffällig war, dass sich die Unterstützung für Schavan in Union und FDP gestern sehr in Grenzen hielt. Viele warteten offenbar die offizielle Stellungnahme des Merkel-Sprechers ab.

Zunächst äußerten sich nur CDU-Fraktionsvize Michael Kretschmer und der Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Beide mit heftiger Kritik am Verfahren der Düsseldorfer Universität, die darauf verzichtet hatte, weitere Experten in die Prüfung der Arbeit einzuschalten. "Gute wissenschaftliche Praxis hätte bedeutet, externe Gutachter zu holen", sagte Kretschmer und der RCDS-Chef Erik Bertram sprach von "absoluter Intransparenz" des Verfahrens.

FDP-Generalsekretär Patrick Döring sagte reserviert, man müsse nun das gerichtliche Verfahren abwarten. Auch der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach und FDP-Staatsministerin Cornelia Pieper pochten auf die Unschuldsvermutung in einem laufenden Gerichtsverfahren. Andere, wie Unions-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer, verwiesen lediglich auf Schavans Leistungen als "äußerst erfolgreiche Ministerin" und sagten zur Sache nichts.

Der bayerische Fraktionschef der Liberalen, Thomas Hacker, legte Schavan hingegen den Rücktritt nahe. Schavan müsse an sich die gleichen Maßstäbe anlegen wie an den einstigen CSU-Star Karl-Theodor zu Guttenberg. "Gerade wenn man sich gedanklich zurückholt, was Frau Schavan damals gesagt und getan hat", sagte Hacker. Schavan hatte sich im Jahr 2011 als eine der Ersten in der Plagiatsaffäre von zu Guttenberg distanziert.

Aus der Opposition waren die Rücktrittsforderungen gestern einhellig. Fast durchweg waren sie verbunden mit dem Hinweis, dass ausgerechnet eine für Bildung und Wissenschaft zuständige Ministerin angesichts solcher Vorgänge nicht mehr im Amt zu halten sei. Sie tauge nicht mehr als Vorbild für Doktoranden, meinte etwa SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sprach davon, dass Schavan als Wissenschaftsministerin "nicht mehr glaubwürdig" sei. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin bekundete zwar "Verständnis für die menschliche Härte der Düsseldorfer Entscheidung", folgerte aber, dass die 57-jährige CDU-Politikerin den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland nicht mehr glaubwürdig vertreten könne. Wie zum Beweis sprach sich auch der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, für einen Rücktritt aus. Er könne sich nicht vorstellen, dass Schavan einfach so weitermachen könne, meinte Kempen. "Sie ist die Repräsentantin der deutschen Wissenschaft."

Beobachter halten es für möglich, dass Schavan und Merkel den Gesprächstermin am Wochenende nur abwarten, um einen Rücktritt geordnet und in Würde vollziehen zu können.

Intern konnte man in der Unions-Fraktion von prominenten Mitgliedern die Meinung hören, dass es für Schavan besser sei, sehr schnell die Konsequenzen zu ziehen. "Dann steigen ihre Chancen für einen Neuanfang in einem anderen Amt nach der Wahl."

Regierungssprecher Steffen Seibert jedenfalls hat seine Vertrauenserklärung, die er gestern in Merkels Namen für Schavan abgab, fast wortgleich schon einmal formuliert. Am 21. Februar 2011 für Karl-Theodor zu Guttenberg: "Die Bundeskanzlerin hat volles Vertrauen in ihren Minister. Sie unterstützt ihn in seiner schweren Arbeit. Diese Unterstützung gilt auch für die gesamte Bundesregierung", sagte Seibert damals. Neun Tage später war zu Guttenberg weg.